![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||
|
Ein beschwingter Philosoph |
|||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
Daniel Bensaïd wurde 1946 in Toulouse geboren. Seine Mutter war die Tochter eines Kommunarden, sein Vater Boxer jüdischer Herkunft aus Oran (Algerien). Seine Eltern betrieben ein Café, in dem sich spanische republikanische Flüchtlinge, italienische Antifaschisten, kommunistische Postler und Eisenbahner ein Stelldichein gaben. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Frankreichs wegen »linksradikaler Umtriebe« gründete er 1966 mit Alain Krivine, Henri Weber u. a. die JCR (Jeunesse communiste révolutionnaire), eine libertär-guevaristisch-trotzkistische Strömung, die ein wichtiger Akteur der Ereignisse des Mai 1968 wurde. Von der militanten Antifa der Siebzigerjahre, über Auseinandersetzungen in Argentinien, wo er eine Zeitlang lebte, und Brasilien bis hin zu der Streikbewegung 1995 und zur globalisierungskritischen Bewegung von heute war Bensaïd prägend. Daniel Bensaïd bekräftigte die Notwendigkeit einer revolutionären Möglichkeit, auch angesichts der historischen Niederlagen. Er räumte dem beschädigten Subjekt eine zentrale Rolle ein und ermutigte, den roten Faden einer unter den Niederlagen begrabenen strategischen Debatte neu aufzunehmen. Existentialistisch wies er in vielen Texten gegen Louis Althusser nach, dass persönliche Entscheidungen der Beteiligten und ihre Überzeugungen ausschlaggebend für die zukünftigen sozialen Auseinandersetzungen sind. Der Marxismus, aktualisiert und fortgeschrieben, stellte für ihn eine zeitgenössische Analyseform der kapitalistischen Gewalt und der Fetischisierungen der Moderne da. Bensaïd drückte sich nie vor entscheidenden Fragen und verharrte nicht auf einer philosophischen Abstraktionsebene. Sein aktives politisches Leben lang beschäftigte er sich mit der Frage nach einer adäquaten Organisationsform der revolutionären Linken, wobei er sich mit informellen Strukturen nicht zufrieden geben wollte, weil er immer wusste, dass auch, wenn wir die Macht nicht mehr im Blick haben, sie uns nie vergisst. Seine Beteiligung an der Gründung von der JCR und 1969 der LCR (Ligue communiste révolutionnaire), die 2009 in der NPA aufging, sind Ausdruck seiner politischen Verbindlichkeit und seines Mutes, Ideen umzusetzen und auszuprobieren. Interne Demokratie, ein ständiges Ringen um Ideen und Aktionsformen waren für Bensaïd die Grundlagen einer politischen Organisation, die er für unentbehrlich hielt, um die Welt zu verändern. Seit den Neunzigerjahren konzentrierte sich Bensaïd in seiner Theorieentwicklung auf die politische Ideengeschichte, die Fortschreibung des Kapital, die Bilanz des 20. Jahrhunderts und seiner gescheiterten Revolutionen, alles im Hinblick auf eine neue Politik der revolutionären Linken angesichts der kapitalistischen Globalisierung. Seine Krankheit versuchte er jahrelang zu überwinden, indem er fortfuhr so zu leben wie bisher, unermüdlich las, schrieb, sich an Aktionen beteiligte, kein Treffen, keine Reise absagte. Seine elegante Ironie half ihm dabei. Immer präsent, immer wach gegenüber der Entwicklung der Welt und aufmerksam den Einzelnen gegenüber. Die jour fixe initiative berlin hatte Daniel Bensaïd in den letzten Jahren mehrfach eingeladen, einige Aufsätze und die Monographie Eine Welt zu verändern. Bewegungen und Strategien herausgegeben. Ansonsten liegt auf Deutsch nur der Essay Was ist Trotzkismus? vor. 2010 erscheint jeweils ein Aufsatz von Bensaïd in dem Sammelband Was ist Demokratie? (Suhrkamp) und Souveränitäten (Unrast). Daniel Bensaïd war nicht nur ein feinsinniger Dialektiker, ein kluger Stratege und verbindlicher Genosse, er war auch ein warmherziger, liebenswerter und lustiger Mensch. Er wird uns sehr fehlen. Elfriede Müller |
||||||||||||||||||||||||||||||