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»Etwas fehlt«
Utopie, Kritik und Glücksversprechen. Neue Folge 2012


Aktuelle Reihe 2012:
»Etwas fehlt«
Utopie, Kritik und
Glücksversprechen
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Die Veranstaltungsreihe wird unterstützt von Netzwerk - der politische Förderfonds.
Die Vortragsreihen
Zu viel vom Schlechten
Utopie II
Utopie I
Natur
Souveränitäten
Krieg
Globalisierung und Widerstand
Gespenst Subjekt
Klassen und Kämpfe
Fluchtlinien des Exils
Kunstwerk und Kritik
Geschichte nach Auschwitz
Wie wird man fremd?
Theorie des Faschismus - Kritik der Gesellschaft
Kritische Theorie und Poststrukturalismus
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Die Feststellung, dass eine andere Welt möglich ist, sagt noch nichts darüber aus, wie diese in ihren Grundzügen strukturiert werden soll. So klar die Kritiken an den herrschenden Verhältnissen sind, so unklar ist die Vorstellung der Alternativen. Was bedeutet das Begehren nach dem »ganz Anderen« theoretisch und praktisch?

Wie immer zu Gast bei der NGBK

Alle Veranstaltungen jeweils Sonntags in der
Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst [NGBK]
Oranienstraße 25 | D-10999 Berlin-Kreuzberg
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Die Vorträge

Sonntag, 8. Januar 2012, 18:00 Uhr
Klaus Holz
Ethik der Utopie.

Materialistische Kritik und Utopie fallen nicht in eins. Die Kritik bestehender Verhältnisse genügt nicht, um eine zukünftige Gesellschaft und den Weg zu ihr zu begründen. Denn Kritik ist einem theoretischen Antihumanismus verpflichtet, der viel über das Kapital (resp. die Gesellschaft), wenig über die Proletarier (resp. die Subjekte) zu sagen weiß. Das Problem der Emanzipation aber liegt gerade darin, dass die neue Gesellschaft zugleich neue Menschen braucht und umgekehrt. Die sich daraus ergebenden Probleme provozieren Gewalt gegen die Menschen, Entmündigung, Erziehungsdiktatur bis hin zum Gulag. Dem entspricht das linke Vorurteil, Ethik, zumal eine humanistische, sei bürgerlich, jedenfalls bäh.
Der Vortrag wird zur Eröffnung der Reihe Kritik, Ethik und Utopie im Blick auf Marx, Marcuse, Bloch und Adorno erörtern, utopische Ziele benennen und Widersprüche, die den Weg zum guten Leben verstellen, reflektieren. Was also fehlt? Eine Politik, die antihumanistischer Kritik und humanistischer Ethik verpflichtet ist. Das mag man Posthumanismus nennen.


Sonntag, 5. Februar 2012, 20:00 Uhr
Mike Laufenberg
Queer werden.
Über das Begehren der Utopie

Das Begehren nach einer ganz anderen Welt ist dem queeren Verlangen nicht äußerlich, sondern immanent. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Queer selbst ist immer schon utopisch, ein Noch-nicht. Was in der Gegenwart ist, sind Gesten und Affekte, die das Begehren für einen kurzen Moment auf etwas anderes hin öffnen mögen, als das, was ist. Mit anderen Worten: Das Begehren ist die Möglichkeit des Utopischen im Jetzt. Die Möglichkeit des queeren Begehrens scheint dabei stets unter der Bedingung ihrer Unmöglichkeit auf: der Sexualität. Mit Sexualität ist hier der Name für einen Apparat gemeint, durch den die affektive und somatische Bindung der Subjekte an bestimmte Normen von Körper, Geschlecht und Begehren geregelt wird. Queer wäre der Ort, von dem aus sich nicht nur einige dieser Bindungen destabilisieren ließen, sondern ein Begehren möglich würde, der Sexualität als Ganzer zu entkommen. Von hier aus wird auch erkenntlich, was das utopische Denken von dem queeren Verlangen lernen kann: Das ganz Andere zu denken bedarf der Kunst, die Macht nicht zu begehren.


Sonntag, 4. März 2012, 18:00 Uhr
Gilbert Achcar und Bernard Schmid
Ursprünge und Dynamik des revolutionären Aufstands 2011 in Nahost und Nordafrika


Die Vorträge gehen auf die sozial-ökonomischen und politischen Ursprünge des revolutionären Prozesses in Nahost und Nordafrika ein. Sie gehen davon aus, dass Revolutionen Ausdruck des Widerspruchs sind zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte, der Produktionsweise und der politischen Struktur. Die Referenten tragen der Diversität der Situationen und Prozesse in dieser Region Rechnung und führen sie auf die unterschiedlichen sozialen Strukturen und Staatsformen zurück. Dabei wird die soziale Dynamik des revolutionären Prozesses untersucht, insbesondere die sozialpolitischen Inhalte der beteiligten Kräfte, sowohl derjenigen, die vor dem Aufstand bereits aktiv waren, als auch der neuen Kräfte, die sich während des Aufstands herausbildeten. Schließlich wird über die Perspektiven dieses Prozesses auf regionaler Ebene gesprochen werden.


Sonntag, 1. April 2012, 18:00 Uhr
Thomas Seibert
Feuerbach_eins: Die Utopie des subjektiven Faktors.
Mit Kommentar von Katja Diefenbach


Einer schlechten Gewohnheit folgend versteht man unter Utopien noch immer freischwebende Erzählungen idealer Gesellschaften. Oft ist dabei von moralischen Wünschbarkeiten die Rede, deren gnadenloser Optimismus Schlimmes befürchten lässt. Hat sich die materialistische Kritik des Bestehenden deshalb zu recht vom Utopismus distanziert, verfiel sie im Gegenzug einer „Wissenschaftlichkeit“, für die Befreiung eine Sache „historischer Gesetzmäßigkeiten“ war. Nachdem auch diese Erzählung nicht mehr überzeugt, wurde die bloße Kontingenz zum letzten Bezugspunkt der Kritik: Was zufällig entstanden ist, kann im Prinzip auch anders werden. Allen drei Erzählungen aber wäre entgegenzusetzen, was im radikalen Sinn u-topisch genannt werden kann: das Vermögen, den Ort zu verlassen, der einem oder einer zugewiesen wurde. Es ist dies der subjektive Faktor, ohne den es kein geschichtliches Werden – und keinen Materialismus gibt. Frei nach Marx: Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Marxschen und den Foucaults mit eingerechnet) ist, dass die Wirklichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus entwickelt – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt. Zu zeigen bleibt, wie diesem Mangel abzuhelfen ist.


Sonntag, 6. Mai 2012, 18:00 Uhr
Voker Weiß
Antiemanzipatorische Utopien


Der Begriff der Utopie wird fast ebenso reflexhaft mit linken Theorien zur „Weltverbesserung“ assoziiert, wie diese von einem scheinbar realistischen Alltagsverstand als „weltfremde Träumereien“ abgelehnt werden. Die Rechte scheint keine Utopien zu haben. Aber tragen die Technik-Phantasien eines Oswald Spengler oder die Entwürfe einer totalen Mobilmachung zukünftiger Gesellschaften bei Ernst Jünger nicht utopische Züge? Können die Expansions- und Zuchtphantasien des Faschismus nicht ebenfalls als utopisch gewertet werden? Wovon zeugen architektonische Entwürfe und megalomanische Städteplanungen à la „Germania“, wenn nicht von einem utopischen Kern des faschistischen Denkens? Gibt es also eine strukturelle Verwandtschaft zu emanzipatorischen Utopien oder werden solche Entwürfe durch die Kontamination mit der politischen Rechten automatisch zu Dystopien?


Sonntag, 3. Juni 2012, 18:00 Uhr
Michael Koltan
Utopischer Marxismus

Der Titel ist natürlich ein Widerspruch in sich. Es war ja gerade die Hoffnung des Marxismus, nicht utopisch zu sein, sondern als „wissenschaftliche Weltanschauung“ darauf verzichten zu können. Doch in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde deutlich, dass sich der in der marxistischen ArbeiterInnenbewegung gepflegte historisch-materialistische Determinismus vor allem dazu eignete, die stalinistischen Schreckensherrschaft zu legitimieren. Und so entwickelte sich eine Form der Marxinterpretation, die versuchte, diesem Determinismus die utopische Fundierung der Marxschen Theorie entgegenzusetzen, die ihren Ausdruck in den Frühschriften fand.
Der Vortrag wird einige der Personen und Gruppen vorstellen (u. a. Henri Lefèbvre, die Praxisphilosophie), die vor allem während der Systemkonfrontation im Kalten Krieg versuchten, das emanzipatorische Potential der Marxschen Theorie gegen Angriffe sowohl aus Ost wie auch aus West zu verteidigen. Unausweichlich wird dabei die Frage zu stellen sein, warum diese Ansätze scheiterten und heute meist vergessen sind. Im Gegenzug wäre dann aber auch zu fragen, ob es dennoch etwas an ihnen gab, das es wert wäre, in die Gegenwart gerettet zu werden.


Sonntag, 1. Juli 2012, 18:00 Uhr
Thomas Flierl
Utopie und Architektur

Der „Nicht-Ort“ der Utopie (altgriechisch οὐτοπία, lateinisch Utopía) und die Aneignung der Welt durch die Gestaltung von Gegenstand und Raum, durch bauliche „Verortung“ (altgriechisch τόπος, lateinisch tópos) konkreter menschlicher Lebenstätigkeit in Architektur bilden einen klassischen dialektischen Widerspruch. Sie schließen einander kategorial aus. Schon deshalb, weil die architektonisch gestalteten räumlich-gegenständlichen Lebensbedingungen immobil sind, also stets generationsübergreifend tradiert werden und sich das gedankliche und gestalterische Überschreiten der Gegenwart so immer an vorhandener gebauter Lebenswelt reiben muss. Andererseits sind sie identisch und reproduzieren einander: Gesellschaftsutopie kommt fast immer als konkretistische Architekturphantasie daher und Bauen verspricht immer schon die Verwirklichung des eu-tópos, des glücklichen Ortes. Ohne konkrete Utopie keine humane Architektur, ohne gute Architektur kein befreites Leben.
In dem Vortrag werden die Elemente des marxistischen Diskurses beleuchtet, um dann den Fragen nachzugehen, wie in der Geschichte des Staatssozialismus Utopie und Architektur ihre produktive Spannung verloren und wo heute ermutigende Ansätze auszumachen wären.



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Etwas fehlt«
Utopie, Kritik und Glücksversprechen
Neue Folge 2012


Die Feststellung, dass eine andere Welt möglich ist, sagt noch nichts darüber aus, wie diese in ihren Grundzügen strukturiert werden soll. So klar die Kritiken an den herrschenden Verhältnissen sind, so unklar ist die Vorstellung der Alternativen. Was bedeutet das Begehren nach dem »ganz Anderen« theoretisch und praktisch?
Ihrem Begriff nach sind Utopien in der Ferne liegende, auf die menschliche Existenz in ihrer Gesamtheit bezogene Entwürfe eines anderen, eines glücklichen Lebens. Durch ihr Glücksversprechen transzendieren Utopien die bestehende soziale und politische Ordnung. Was unter einem glücklichen Leben aber verstanden wird, sind Projektionen der Gegenwart.
Politische Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen müssen sich nicht im Detail ausformulieren lassen, sie motivieren gleichwohl das politische Handeln. Sie entstammen der gegenwärtigen Wirklichkeit, stellen ihr aber eine andere entgegen. Utopien artikulieren die Sehnsucht nach dem ganz Anderen und die reale Möglichkeit der Gestaltbarkeit der Zukunft. Schwindet das utopische Bewusstsein, verkümmert das Potenzial der Kritik. Das Unmögliche nicht zu fordern heißt, sich mit dem Möglichen zu begnügen, sich den bestehenden Regeln zu unterwerfen. Erst der Ruf nach dem Unmöglichen, Inbegriff des Utopischen, ermöglicht dagegen, das Bestehende kritisch zu hinterfragen und ihm zu widerstehen. Emanzipation bedarf eines Dritten jenseits von Gegenwart und Vergangenheit.
Herbert Marcuse behauptet, dass auf der Grundlage der entwickelten Produktivkräfte die politische Umsetzung des Utopischen bereits in unserer Gegenwart erfolgen könne und damit »das Ende der Utopie« gekommen sei. Alle materiellen und intellektuellen Kräfte, die für die Realisierung einer freien Gesellschaft notwendig sind, seien vorhanden. Dass sie nicht dafür eingesetzt werden, sei nur der Mobilisierung der bestehenden Gesellschaft gegen ihre eigene Befreiung zuzuschreiben. Die Abschaffung von Hunger, Armut und vielen Krankheiten ist längst möglich. Der politische Skandal besteht darin, dass diese Menschheitsträume trotz ihrer Realisierbarkeit immer noch ins Reich des Utopischen verbannt werden.
Marcuse sucht Bedingungen der Möglichkeit des Utopischen im Reich der Notwendigkeit. Auch wenn die technologischen Grundlagen zur Sicherung des Lebens heute vorhanden sind, bleibt die Entwicklung neuer Technologien und Produktionsweisen jedoch ein integraler Bestandteil von Utopien. Utopische Gesellschaftsentwürfe, die die materielle Versorgung ihrer Mitglieder auf der Grundlage von Atomkraft und Massentierhaltung zu sichern suchten, sind kaum als emanzipatorisch zu bezeichnen.
Wäre aber eine Gesellschaft, die keinen Hunger mehr kennt, schon das Ende der Geschichte - oder nur eine neue Gegenwart, über die erneut hinausgegangen werden müsste? Sollten Utopien nicht nur über das in der Gegenwart Machbare, sondern auch über das in der Gegenwart Vorstellbare hinausweisen?
Theodor W. Adorno bestand in einem Gespräch mit Ernst Bloch darauf, dass Utopie nicht isoliert auf die Realisierung von Freiheit oder Glück, sondern in letzter Konsequenz auf die Abschaffung des Todes zielen muss. Damit macht er deutlich, dass Utopie immer ein Element von Transzendenz beinhaltet.
Bereits in seinen philosophischen Grundlagen war der emanzipatorische Charakter utopischen Denkens nicht immer eindeutig. Die fundamentale Kritik am Rationalismus der bürgerlichen Gesellschaft, die am Ende des 19. Jahrhunderts aufkam und in nicht geringem Maße von Friedrich Nietzsche beeinflusst wurde, war ein wesentlicher Bezugspunkt für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Zugleich jedoch war sie die Grundlage eines politischen Irrationalismus, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Entstehung faschistischer Ideologien beigetragen hat.
Gleichzeitig konfrontiert uns die Geschichte der sozialistischen Utopien mit einer ganz anderen Gefahr: auch eine eman-zipatorische Utopie kann in der Praxis repressive Effekte zeitigen. Ein solch repressives Moment bisheriger Versuche, eine andere Gesellschaft zu schaffen, war die Verknüpfung von »neuer Gesellschaft« und »neuem Menschen«. Wenn die neue Gesellschaft einen radikalen Bruch mit der alten bedeuten soll, dann dürfen auch ihre Träger_innen nicht mehr von der alten Gesellschaft »infiziert« sein, sie müssen davon »gereinigt« werden. Historisch hieß das bislang: Umerziehung, Gulag, Mord.
Bedeutet der Neue Mensch einer wie auch immer gearteten Utopie nicht prinzipiell die Abschaffung des alten? Negiert die Idee des Neuen Menschen nicht auch diejenigen, die für eine neue Gesellschaft kämpfen? Ein Topos der Science Fiction ist die Figur des Gefangenen, die nur frei werden kann, wenn sie ihre gesamte bisherige Persönlichkeit aufgibt und jede Erinnerung an ihr jetziges Leben, ihre komplette Vergangenheit auslöscht. Die Befreiung wäre dann das Ende der Geschichte, ein Erwachen ohne Erinnerung.
Drohen Utopien, wenn sie das Machbare in den Blick nehmen, in technokratische Alpträume umzuschlagen, in denen nicht die Individuen selbst über ihr Leben und ihr Zusammenleben entscheiden, sondern einem wissenschaftlichen Realisierungs- oder Entwicklungsplan gehorchen und bei mangelnder Einsicht zu ihrem »Glück« gezwungen werden müssen? Verlangt ein einmal aufgestellter Plan zur Umsetzung der Utopie danach, mit autoritärem Gestaltungsanspruch umgesetzt zu werden – um so den emanzipatorischen Gehalt der Utopie zu zerstören? Während das Scheitern des Realsozialismus im Jahr 1990 die Möglichkeit emanzipatorischer Utopie zu widerlegen scheint, hat sein frühes Scheitern bereits deren Wünschbarkeit in Zweifel gezogen. Der Stalinismus lastet schwer auf der Unschuld des Traums von einer besseren Welt; die Angst, er könne wiederum als Alptraum wahr werden, ist welthistorisch begründet. Seither muss sich jede Utopie die Gulag-Frage stellen lassen: Wie hältst du es mit der realen Existenz? Aber lehrt die Erfahrung des real existierenden Sozialismus nicht das Gegenteil? Nach Maßgabe der Machbarkeit wurde die freie Assoziation der Produzent_innen der Produktivkraftentwicklung untergeordnet, die internationale Solidarität der nationalen Sicherheit geopfert, die geschlechtliche und sexuelle Emanzipation der staatlichen Biopolitik und die ästhetische Moderne der Staatskunst. Liegt das Scheitern der real existierenden Sozialismen weniger in einem Zuviel als vielmehr in einem Zuwenig an Utopie begründet?
Denn auch in der Vergangenheit des Kalten Krieges wurde das
 emanzipatorische Potential der Marxschen Theorie von Personen und 
Gruppen verteidigt, die heute vergessen sind, denn Geschichte wird von
 den Siegern geschrieben. Kann der utopische Marxismus von Henri Lefèbvre 
oder der Praxisphilosophie die aktuelle Utopiedebatte beleben?
In diesem Sinne fragen wir nach dem Stand und der Perspektive utopischen Denkens in der Linken, nach den Träger_innen von Utopien in sozialen Kämpfen und nach dem Begriff der Utopie selbst. Lassen sich in der Gegenwart soziale und politische Bewegungen finden, in deren Praxen eine andere Gesellschaftlichkeit aufscheint, andere Reproduktionsformen, Subjektivitäten und eine andere Alltäglichkeit?
Nachdem wir uns in der ersten Reihe zur Utopie mit Peer-to-peer 
Ökonomie und aktuellen Arbeitsbedingungen und Kämpfen
 auseinandersetzten, suchen wir in der Fortsetzung der Reihe nach den
utopischen Momente im arabischen Frühling. Wir fragen, wie das utopische
Denken mit dem queeren Verlangen zusammen hängt, welche Architektur 
ein befreites Leben ermöglicht oder befördert und ob vielleicht 
im Posthumanismus eine Ethik der Utopie begründet liegt?
Hat aus ganz anderer Perspektive Eduard Glissant mit dem Prozess der Kreolisierung der Karibik einen utopischen Prozess beschrieben? In der neuen kreolischen Identität sieht er die alten – kolonialen und nationalistischen – Identitäten aufgehoben. Glissant verweist auf eine globale Perspektive, die sich als eine Weiterentwicklung des Internationalismus der Arbeiter_innenbewegung erweisen könnte, aber auch die Gefahr einer neuen kulturalistischen Identität in sich trägt. Die Autorin Marge Piercy erzählt in ihrer Prosa von einem utopischen feministischen Sozialismus, der eine technische mit einer sozialen Utopie verbindet und einen Beitrag zur feministischen Utopie darstellt. Piercys Cyborg, der auch ein Golem ist, erweitert ähnlich Glissants Prozess der Kreolisierung klassische moderne Identitätskonstruktionen und unterstreicht dabei ihre Komplexität, auch um das Konzept des Neuen Menschen – ein Grundbaustein der Geschichtsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts – zu überwinden.
Wären Utopien bloß latente Gegenwart, realistisches Ziel, wären sie nicht utopisch. Sie bezeichnen einen Ort, eine Zukunft, wo noch nie jemand war: Glück ohne Schuld, Leben ohne Tod, Differenz ohne Angst. Utopien schießen über realistische Ziele hinaus. Sie sprengen das Kontinuum der geschichtlichen Zeit. Doch die Gegenwart einer herrschaftlichen Gesellschaft bindet so sehr, dass sich kein adäquates Bild einer herrschaftsfreien machen lässt. Wie also ist das Verhältnis von Utopie und Gegenwart zu fassen, damit die Möglichkeit einer radikalen Veränderung erhalten bleibt? Wie ist das Utopische vorstellbar in einer Zeit, in der die notwendige Bewahrung vorhandener sozialer Errungenschaften die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft als naiv erscheinen lassen muss? Gelangen wir Schritt für Schritt ins Paradies, oder durch Brüche und Sprünge? Kann die Zukunft heute noch in Momenten der Gegenwart gefunden werden, die über diese hinausweisen - oder muss sie zuvor aus den Momenten der Vergangenheit gelöst werden, in denen sie stecken geblieben ist?

jour fixe initiative berlin


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