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Die Umwälzung und Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen ist das zentrale Anliegen einer Politik der Emanzipation. Während das konservative Denken die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche als naturgegeben bestimmt und der Liberalismus diese Spaltung aktiv betreibt, haben sozialrevolutionäre und sozialistische Bewegungen versucht, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern. Klassenkampf hieß das Losungswort, um die treibende Kraft der Geschichte zu benennen und der Analyse des Kapitalismus eine politische Perspektive zu geben. Dass diese Perspektive ihre Evidenz verloren hat, ist Anlass genug, nach dem Stand der sozialen Kämpfe unserer Zeit zu fragen.
Diese Veranstaltungsreihe erstreckte sich über zwei Semester.
Montag, 9. Februar 2004
Sergio Bologna (Mailand):
Die Rolle der Theorie in der politischen Aktion
Die Geschichte der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts kann als eine Geschichte der Beziehungen (und der Machtverhältnisse) zwischen kulturtragenden bürgerlichen Schichten und arbeitenden Massen gelesen werden. Oder auch der Beziehungen (und der Machtverhältnisse) zwischen Parteibürokratie und Arbeiterklasse. Ist der Sozialismus daran gescheitert, weil er mehr Energie auf den Erhalt der Parteibürokratie als auf das Allgemeinwohl verwand? Wie lässt sich diese Problematik auf die heutigen Verhältnisse übertragen? Wie entsteht heute politische Bildung? Sie ist jedenfalls nicht mehr ein Beziehungsproblem zwischen "theoretischen Vätern" oder "Meisterdenkern" und lernender Masse, sondern ein Problem der Selbstbildung. Heute können wir zwischen den Informationen unterscheiden, die uns von den bestehenden Machtgruppen aufgedrängt werden und Gegeninformationen, die alle mehr oder weniger "emanzipatorisches Gedankengut" enthalten und allen zugänglich sind. Das "Subjekt" kann weder eine einzige soziale Schicht, noch eine geschlossene Organisation sein. Der Parteibegriff ist vom Netzwerkbegriff ersetzt worden. Heute benötigen wir weder Ideologien noch Parteien. Allerdings müssen wir uns selbst als Mitglied einer sozialen Schicht, als politisches Subjekt begreifen und uns von einem Messias-Gedanken eines fest umrissenen sozialen Subjektes der sozialen Umwälzung verabschieden.
Montag, 23. Februar 2004
Anne Jung (Frankfurt a. M.):
Afrika als liberales Protektorat?
»Ich lass mir den Krieg nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leute besser.«
Krieg ist profitabel. Das hat schon Brechts Mutter Courage erkannt und wurde Kriegsunternehmerin. Ein Beruf, der in den afrikanischen Bürgerkriegen eine Renaissance erlebt. Aus der Privatisierung kriegerischer Gewalt entwickelt sich eine hochkomplexe Staatlichkeit, in der die Interessen der lokalen Eliten, der Warlords und Militärs mit den Interessen der internationalen Akteure wie Nachbarstaaten, internationalen Konzernen und auch Entwicklungshilfe-Organisationen ausbalanciert werden. Afrika wird ökonomisch also keineswegs vom Rest der Welt abgekoppelt, allerdings ist die Mehrheit der Länder ein- und ausgeschlossen zugleich, da der Kontinent auf seine Rolle als Rohstofflieferant reduziert wird und keine Reinvestitionen folgen.
Grund genug, im Jubiläumsjahr der Berliner Konferenz von 1884, in deren Verlauf Afrika unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde, auch das »andere« Afrika zu beleuchten, diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die versuchen, in Ländern wie Sierra Leone oder Angola wieder zum Subjekt ihres eigenen Lebens zu werden.
Montag, 1. März 2004
Klaus Viehmann (Berlin):
Stadtgurerille und Klassenlampf - revised
1971 trug eine der ersten programmatischen Schriften der RAF den Titel "Stadtguerilla und Klassenkampf". Im Verlauf der nächsten Jahre wurde diese Verbindung zwar noch postuliert und einige Aktionen versuchten entsprechend anzusetzen, aber sie verschwand aus dem Focus der RAF, der Bewegung 2. Juni oder der Revolutionären Zellen. In ihrer durchaus unterschiedlichen Theorie und Praxis spielten Klassenkampf und Klassen eine immer geringere Rolle.
Mitte der 70er Jahre gab es im Ruhrgebiet noch einen Versuch, in der Folge der wilden Streiks 1969 und des Fordstreiks 1973 eine operaistische Fabrikguerilla zu entwickeln. Auch dieser Versuch kam über Ansätze nie hinaus und ist so gut wie unbekannt geblieben.
Warum sind von allen Stadtguerillagruppen die Klassenkampfbezüge de facto aufgegeben worden? Welche theoretischen Konzepte und Neubestimmungen militanter Strategie lagen dieser Entwicklung zugrunde oder war es "nur" eine wenig reflektierte, taktische Entscheidungen und Sachzwängen geschuldete Zufälligkeit, die diesen Bezug verschwinden ließ? Angesichts des verschärften Klassenkampfes von oben drängt sich die Frage auf, was aus der Geschichte einer "bewaffneten Avantgarde" wie der RAF oder einer Fabrikguerilla, beziehungsweise einer "interventionistischen Militanz" der RZ, in Relation zum Klassenkampf heute noch zu lernen sein könnte. Ist es die Geschichte eines endgültigen und vorhersehbaren Scheiterns, weil Stadtguerilla und Klassenkampf nicht zu einem produktiven Verhältnis kommen können, oder werden kommende soziale Kämpfe diese Frage erneut auf die Tagesordnung setzen?
Montag, 5. April 2004
Elfriede Müller (Berlin):
Die Subversion des Mai 68
Die Ereignisse des Mai 68 in Frankreich waren die wichtigste antikapitalistische Revolte der Nachkriegszeit. Sie haben deutlich gemacht, dass die revolutionäre Theorie und Praxis nicht da wieder aufgenommen werden können, wo sie in den zwanziger Jahren unterbrochen wurden. Den Mai 68 heute zu denken, bedeutet, die alten Fetische nicht durch neue zu ersetzen. Ob der politische Generalstreik in Frankreich die letzte revolutionäre Revolte der Vergangenheit, ein utopischer Kommunismus oder gar der erste große Streik des 21.Jahrhunderts war, wird dann zur spannenden Frage, wenn die Ereignisse des Mai 68 eine Bedeutung für den aktuellen Krisenzustand erlangen. Die fröhliche und gnadenlose Guerilla gegen alle staatlichen Institutionen verabschiedete jegliche Form des Jakobinismus und kehrte zur marxistischen Idee der sozialen Revolution zurück, ohne deren Zwangsläufigkeit pedantisch zu behaupten. Der Kapitalismus wurde zum ersten Mal gemäß einem libidinösen und libertären Prinzip, d.h. von einem individualistischen Standpunkt aus, kritisiert. Das Ich-Ideal des Mai 68 war radikal, humorvoll, ironisch und subversiv. Es wehrte sich, die Theorie von der Praxis zu trennen, und könnte ein libertäres Vorbild für unsere melancholischen, verzweifelten, nihilistischen und pessimistischen Zeiten sein. Die Negativität des Mai besteht vielleicht darin, dass er auf halbem Wege stecken blieb. Denn nach 68 ignoriert man nicht mehr, dass Herrschaft nicht nur in einer konzentrierten, im Verschwinden begriffenen Form regiert.
Ermöglicht der Mai 68 nach Auschwitz die Bedingungen des Widerstandes neu zu denken?
Montag, 3. Mai 2004
Andreas Fanizadeh (Zürich, Berlin):
Die Flucht aus dem Territorium
Neue Armut und Widerstand in Argentinien
Argentinien gehörte vor 50 Jahren noch zu den wohlhabenden Gesellschaften. So war es auch ein bevorzugtes Ziel für arme Auswanderer und Flüchtlinge aus Europa und der ganzen Welt. In den sechziger und siebziger Jahren erlebte das südamerikanische Land eine Abfolge von zugespitzten Klassenkonflikten. Die letzte Diktatur (1973-1983) war hierbei besonders brutal und legte den demokratischen Wohlfahrtsstaat in Trümmer. Bis heute hat sich das Land davon nicht erholt. Kulturell zehren so immer mehr ArgentinierInnen von den Reichtümern längst vergangener Tage, der einst breite Mittelstand ist stetig im Abstieg begriffen. Und natürlich haben sich andere dabei in den letzten Jahren eine goldene Nase verdient. Ökonomen schätzen, dass das im Ausland liegende Fluchtgeld argentinischer Eliten etwa mit der Summe der gesamten Auslandsschuld zu verrechnen wäre (ca. 150 Milliarden US-Dollar).
Während sich die Marginalisierten des argentinischen Modells in neuen Bewegungen wie den Piqueteros formieren, ruht die Hoffnung der institutionellen Linken auf dem jetzigen Staatschef Nestor Kirchner. Aber im Angesicht der argentinischen Krise auf die Instrumente des Nationalstaats zu vertrauen, fällt schwer. Dementsprechend schwankt die Linke zwischen staatsinterventionistischen Modellen und neuen utopischen Entwürfen einer autonomen Organisierung wie sie etwa auch Toni Negri in Empire skizziert.
Montag, 21. Juni 2004
Holger Schatz (Freiburg/Br.):
Auf die Plätze!
Die Ideologie der Chancengleichheit
Ungeachtet der Schwäche der sozialen Kämpfe sieht sich der Kapitalismus mit einer Krise der ihn legitimierenden Ideologie konfrontiert. Problematisch geworden ist die wachsende Kluft zwischen stofflichem und pekuniärem, öffentlichen und privaten Reichtum vor allem deshalb, weil sie sich immer schwieriger anhand jenes Arbeits- und Leistungsprinzips erklären lässt, wonach Status und Einkommen unmittelbarer Ausdruck der individuellen Arbeitsleistung und nicht dem Zufall der Geburt geschuldet seien sollen. Die Wirklichkeit hielt sich freilich nie daran und als es darauf ankam, das Schreckgespenst des Kommunismus zu bannen, vergaß der Bürger im Bündnis mit dem Adel recht schnell, dass es die Arbeit ist, die den Reichtum schafft. Gerade aus dieser Frontstellung aber bezieht das Leistungsprinzip seine immense Strahlkraft als das gerechte Prinzip schlechthin. Rückblickend waren es stets die Linken, die als die besseren Bürger Ideal und Wirklichkeit konfrontierten und so mitwirkten, das Leistungsprinzip zu erneuern.
Auf der Agenda der Modernisierung steht heute die neoliberale Rekonstruktion des Prinzips "Jeder kriegt was er verdient, respektive erarbeitet" als Behauptung, Forderung und durch Reform hergestellten (Arte)fakt. Der Kampf um Emanzipation begänne also dort, wo nicht mehr die Verwirklichung der "Gleichheit am Start" gefordert, noch die "Gleichheit im Ergebnis" verteidigt würde.
Montag, 8. November 2004
Michael T. Koltan (Freiburg/Br.):
Vom Klassenkampf zur Kulturrevolution. Und zurück ...?
Die Neue Linke, die sich in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte, muss, so die These des Vortrags, als radikaler Bruch zur »alten Linken« der Arbeiterbewegung begriffen werden. Ihrem Wesen nach zielte sie nicht auf eine Umgestaltung der Produktionsverhältnisse, sondern griff deren kulturelle Vermittlung an. Sie war nicht Klassenkampf, sondern Kulturrevolution. Der erste Teil des Vortrags wird sich bemühen, diese Behauptung aus der veränderten Struktur des Nachkriegskapitalismus zu erklären und die Defizite, die der Neuen Linken daraus zwangsläufig erwachsen sind, erklärbar zu machen. Der zweite, deutlich spekulativere Teil stellt sich dann die Frage, ob eine Rückkehr zur treibenden Kraft der »alten Linken«, dem Klassenkampf, überhaupt wünschenswert sein kann, und falls ja, was Klassenkampf im Zeichen eines globalisierten Kapitalismus überhaupt heißen könnte.
Montag, 6. Dezember 2004
Daniel Bensaïd (Paris):
Politische Strategien fragmentierter Subjekte
Die Fragmentierung sozialer Bewegungen kennzeichnete den Widerstand gegen die liberalen Gegenreformen der letzten 20 Jahre. Entspricht dies einer Nivellierung von Klassenverhältnissen durch fortschreitende Individualisierung und Privatisierung oder eher einer konjunkturellen Verschiebung der sozialen Kräfteverhältnisse? Mit seiner Theorie der Pluralität der sozialen Felder ermöglichte es Pierre Bourdieu, sich dieser Komplexität etwas differenzierter zu nähern. Doch sind alle Felder gleich? Oder gibt es Überschneidungen (von Klasse oder Gender), die in der Lage wären, die unterschiedlichen Felder zu verbinden? Was wäre das Besondere des politischen Feldes? Ist der Kapitalismus der eigentliche Koordinator der sozialen Felder? Scheinbar stehen wir heute vor einem Wendepunkt, an dem sich Misserfolge und Enttäuschungen häufen. Doch könnte sich eine derartige Analyse auch als politische Illusion erweisen. Aus dieser vermeintlich hoffnungslosen Situation entstehen neue Elemente einer kritischen Theorie des Kapitalismus, wie die Texte von John Holloway, Toni Negri, Michael Abert u.a. nahelegen. Es ist an der Zeit, eine melancholische und profane Wette einzugehen, ob es nicht doch möglich ist, die Welt zu verändern.
Montag, 10. Januar 2005
Stefanie Kron (Berlin):
Emanzipation oder Recht auf einen Kleinkredit?
Schwierigkeiten einer feministischen Globalisierungskritik
In linken globalisierungskritischen Debatten spielen feministische Positionen weder als Instrument der Kritik noch als Angriffsfläche eine Rolle. Auch in den wenigen und meist akademisch ausgerichteten Diskursen zur Frage der Beziehung zwischen Geschlecht und Globalisierung gibt es blinde Flecken und immer wieder reproduzierte Mythen. Dazu gehören die Idealisierung der Frauen des Südens als Vorbotinnen einer besseren, friedlicheren und ökologischeren Welt, die analytische Abwesenheit des Mannes, und insbesondere die Kritiklosigkeit gegenüber der entwicklungspolitischen Vereinnahmung des Begriffes Empowerment als Konzept der neoliberalen Armutsbekämpfung. In der Veranstaltung werden diese analytischen Probleme nachgezeichnet und anschließend an Beispielen aus Lateinamerika die Bedeutung der Mobilisierung von Frauen in aktuellen sozialen Bewegungen diskutiert.
Montag, 7. Februar 2005
Moishe Postone (Chicago):
»Das Kapital« und der Kapitalismus heute
Können die Kategorien, die Karl Marx vor über 150 Jahren im »Kapital« für die Analyse kapitalistischer Vergesellschaftungsformen entwickelt hat, auch heute noch die Grundlage für eine Kritik des Kapitalismus und für eine antikapitalistische Politik sein? Der Vortrag wird eine spezifische Rekonstruktion dieser Kategorien vorschlagen, die ihre Bedeutung für die Kritik der politischen Ökonomie der Gegenwart deutlich machen kann. Dabei steht die Frage nach dem Stellenwert der Arbeit und der Arbeiterklasse innerhalb einer solchen Kritik im Mittelpunkt. Auf dieser Grundlage kann dann diskutiert werden, welche Veränderungen der Kapitalismus in der jüngsten Zeit erfahren und wie sich dies auf das Denken und Handeln der Subjekte ausgewirkt hat. Vielleicht ließe sich vor diesem Hintergrund auch die Frage nach einem politischen Subjekt unter den Bedingungen des postfordistischen Kapitalismus neu stellen.
Montag, 21. März 2005
Manuela Bojadzijev (Frankfurt/M.):
Rassismus ohne Rassen - Kampf ohne Klassen?
Elemente einer Historiographie der Kämpfe der Migration
Zumindest historisch liegt es nahe, die Thematik des Rassismus mit der des Klassenkampfs zu verknüpfen. In Deutschland haben migrantische Kämpfe der 60er und 70er Jahre antirassistische Forderungen erhoben und zugleich Erfahrungen im Kontext der ökonomischen Kämpfe gemacht. Eine reduktionistische Vorstellung von Klassenkampf hat jedoch dazu geführt, dass migrantische Kämpfe kaum Beachtung gefunden haben. Könnte eine Historiographie der Kämpfe der Migration zu einem veränderten Verständnis von Klassenkampf und Rassismus beitragen? Unter Bezug auf die Thesen Etienne Balibars geht es um Bedingungen, unter denen sich historisches Wissen produzieren lässt. Wie lässt sich theoretisch und programmatisch Geschichte als Geschichte von Kämpfen konzeptualisieren? Wie kann man eine Geschichte des Klassenkampfs, oder besser, eine Geschichte von Kämpfen, und hier der Kämpfe der Migration schreiben, die eine emanzipatorische Perspektive erlaubt? Wie kann eine Geschichtsschreibung der Kämpfe der Migration einer identitätspolitischen Simplifizierung und einer naiven Heroisierung dieser Kämpfe entgehen? Kann eine Niederlage, die durch das Nichtvorhandensein des historischen Textes markiert ist, mittels einer historischen Analyse umgekehrt werden?
Montag, 4. April 2005
Mag Wompel / labournet (Bochum):
Vom Protest zur Revolte?
Montagsdemonstrationen in über 200 Städten im Spätsommer, Großdemonstrationen im Herbst, und dazwischen die »koordinierende Linke« mit einer Mobilität, von der die Arbeitsagenturen nur träumen. Dass Mobilisierungen noch keine Massenbewegung ausmachen, ist längst klar, denn zu heterogen sind die Ziele und Forderungen der Proteste. Ausgehend von der Annahme, dass uns selbst die Erfüllung der Forderung nach »Arbeit statt Hartz« nicht wirklich weit bringen würde und schon gar nicht aus der Verelendung, ob mit oder ohne Lohnarbeit stellt sich die Frage, ob und wie die Proteste gegen den Abbau eines bevormundenden Sozialtstaats gegen den kapitalistischen Staat subversiv gewendet werden können.
Montag, 2. Mai 2005
Titus Engelschall (Berlin):
The Upsetter & the Beat
Reggae als sound eines transnationalen Widerstands
Nach Paul Gilroy stellt Musik eine grenzüberschreitende Kommunikationsform der in der Diaspora lebenden Schwarzen dar. Vom Zugang zur Bildung abgeschnitten, ging ihr politischer Kampf um Subjektivität und eine eigene Interpretation der Welt mit einer expressiven Kultur in Form von Performances, Dances und mündlichen Formen der Geschichtserzählung einher. Die Kultur des »Black Atlantic« stellte einen antikapitalistischen Gegenentwurf dar, die sich gegen die Folgen der Sklaverei richtete und sich westlichen Denkformen verweigerte. Der Mix afrikanischer Elemente mit Rhythm & Blues schuf in den Studios Downtowns nicht nur Musikstile wie Ska, Rocksteady und Reggae, sondern öffnete einen neuen Kommunikationsraum. In diesem wurden die Solidarität der schwarzen Unterschicht der Ghettos Kingstons praktiziert, eine Sprache für das erfahrene Leid und den Rassismus gefunden, eine Gegenideologie und Gegenidentität konstruiert sowie subversive Praktiken entwickelt. Im Kontext der Blackpower-Bewegung und der Massenkultur konnte aus der black expressive culture der Sound einer planetarischen sozialen Protestbewegung werden. Birgt die Populärkultur heute im Sinne Stuart Halls die Möglichkeit, soziale Kräfte zu bündeln, die kulturelle Hegemonie infrage zu stellen und eine transnationale Gegenkultur zu schaffen?
Montag, 6. Juni 2005
Stefan Hayn (Berlin):
Darstellung sozialer Wirklichkeit
An der Filmhochschule, an der ich studiert habe, wurde einem Mitstudenten für seinen Abschlussfilm der mit 60 000 DM dotierte Förderpreis zur Darstellung sozialer Wirklichkeit verliehen. Das Schlüsselbild für diese Nominierung mag die Familie gewesen sein, Eltern und Kinder, mit dem Weitwinkelobjektiv von hinter dem Fernsehapparat aus in die Couchgarnitur ihres einfach eingerichteten Wohnzimmers gedrückt. Andres Veiel erklärt in seinem mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichneten »Black Box BRD« Terrorismus und Antiterrorismuspolitik mit der filmischen Reinszenierung des Klassengegensatzes: Grams Eltern kleinbürgerlich Suppe löffelnd, Frau Herrhausen am Wohnzimmerfenster ihrer Villa sinnend. Der Vortrag diskutiert das filmische Festschreiben/Aufsprengen des Klassengegensatzes an unterschiedlichen Filmbeispielen, filmischen Methoden und anhand der eigenen Arbeit.
Klassen & Kämpfe
Die Umwälzung und Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen ist das zentrale Anliegen einer Politik der Emanzipation. Während das konservative Denken die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche als naturgegeben bestimmt und der Liberalismus diese Spaltung aktiv betreibt, haben sozialrevolutionäre und sozialistische Bewegungen versucht, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern. Klassenkampf hieß das Losungswort, um die treibende Kraft der Geschichte zu benennen und der Analyse des Kapitalismus eine politische Perspektive zu geben. Dass diese Perspektive ihre Evidenz verloren hat, ist Anlass genug, nach dem Stand der sozialen Kämpfe unserer Zeit zu fragen.
Die Emanzipation des Individuums, die Beseitigung irrationaler und unmittelbarer Gewaltverhältnisse und die Rationalisierung der materiellen Produktion waren Möglichkeiten und Versprechen der bürgerlichen Revolution. Doch unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise stieß die freie Entwicklung des Individuums immer wieder an Grenzen, die das Proletariat als revolutionäres Subjekt der Geschichte beseitigen sollte. Während der Marxismus es weitgehend mit der Arbeiterklasse und deren Avantgarde identifizieren konnte, haben Imperialismus, Nationalismus und Kulturindustrie das Klassenbewusstsein verdrängt und geschwächt und den zentralen Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital staatskonform gebändigt. Die dem Kapitalismus unterworfenen Subjekte der Gegenwart, Lumpenproletarier, freigesetzte Arbeitskraftunternehmer, depressive Manager, befinden sich, trotz aller bürgerlichen Vertragsverhältnisse, in einem Krieg aller gegen alle. Das Grauen der Bürgerkriegsökonomien zerfallender postkolonialer Staaten in Afrika und in anderen Teilen der Welt zeugt von einem Krieg, der in den Peripherien ausgetragen und als Kampf der Kulturen, humanitäre Intervention und Krieg gegen den Terror wahrgenommen wird. Die kritische Auseinandersetzung mit solchen und anderen Ideologien verfehlt allzu oft, was Ideologiekritik doch leisten sollte: eine Denkweise dadurch zu kritisieren, dass man deren Zusammenhang mit der gesamten Gesellschaft sichtbar macht.
Die neue Linke hat sich von dem deterministischen Geschichtsbild verabschiedet, welches aus den Arbeitern automatisch ein revolutionäres Subjekt macht. Das Widerständige, das angesichts der unversöhnlichen Gegensätze in der kapitalistischen Gesellschaft aufscheint, kann nicht an einer einzigen Klasse festgemacht werden. In diesem Kontext begannen Frauen-, Ökologie-, schwarze Bürgerrechts- und andere soziale Bewegungen, ihre politischen Rechte einzufordern. Der Kampf um politische und kulturelle Anerkennung hat die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft jedoch oft aus den Augen verloren oder wurde in den Dienst kapitalistischer Modernisierung gestellt. Es stellt sich weiterhin die Frage, wie eine in unterschiedliche Milieus zerstreute Bewegung Bündnisse eingehen kann, um politische Hegemonie zu gewinnen und den Herrschaftscharakter des Staates in Frage zu stellen.
Innerhalb der kapitalistischen Vergesellschaftung ist es immer wieder gelungen, die durch Ausbeutung und Verelendung formierten revolutionären Kräfte entweder zu eliminieren oder aber zu integrieren. Letzteres betrifft nicht zuletzt die Verinnerlichung der kapitalistischen Arbeitsnormen und die daraus resultierende Idealisierung der Arbeit in der marxistischen Arbeiterbewegung. Sie führte zu dem »Konformismus«, den Walter Benjamin mit Blick auf Marxens Kritik des Gothaer Programms »von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch« sah und auf einen »korrumpierten Begriff von Arbeit« zurückführte. Nicht zufällig haben sich in der Geschichte der Klassenkämpfe emanzipatorische und antiemanzipatorische Tendenzen, Ideen der sozialen und der nationalen Befreiung immer wieder vermischt. Je mehr sich der Kapitalismus verallgemeinert und globalisiert, desto undurchsichtiger wird diese Gemengelage. Auch in den sozialen Kämpfen der Gegenwart ist daher die Konstitution des Subjekts und seine Stellung im Kapitalismus für die Frage nach den Möglichkeiten seiner Überwindung von entscheidender Bedeutung.
Die Tatsache, dass in Deutschland heute keine klassenförmige politische Bewegung existiert, die diese Gesellschaft beseitigt oder zumindest einen bescheidenen Versuch dazu unternommen hätte, bedeutet noch lange nicht, dass wir nicht mehr in einer Klassengesellschaft leben. Dass der eine Teil dieser Klassengesellschaft gemeinsam mit einer sozialdemokratischen Regierung seit einigen Jahren einen offenen Klassenkampf führt, hat jedoch in keinem Moment die andere Seite dazu gebracht, den Fehdehandschuh aufzugreifen. Bis auf wenige Ausnahmen war nicht einmal die radikale Linke dazu in der Lage, die Gefahr oder Gunst der Stunde wahrzunehmen.
Nach den Veranstaltungsreihen »Kritische Theorie und Poststrukturalismus«, Theorie des Faschismus - Kritik der Gesellschaft«, »Wie wird man fremd?«, »Geschichte nach Auschwitz«, »Kunstwerk und Kritik« und »Fluchtlinien des Exils« wollen wir in dieser Reihe der Frage nachgehen, warum es in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt trotz frontalen Angriffen auf oft nur bescheidene, aber hart erstrittene Lebensverhältnisse, nicht zu einer Bewegung kommt, die zumindest die Ausmaße eines französischen Mai 68 erreicht. Die ungehinderte Durchsetzung des kapitalistischen Marktes scheint, je skrupelloser und arroganter sie vorgeht, um so erfolgreicher zu sein. Artikulieren die heute zu beobachtenden Proteste gegen soziale Deklassierung, Kürzungen im sozialen Bereich oder im Gesundheitssektor noch ein Klassenbewusstsein? Oder haben Bewegungen, deren Forderungen sich nur auf die ökonomischen Interessen der eigenen Klientel beschränken, damit nichts mehr zu tun? Stehen zum Beispiel Teile der globalisierungskritischen Bewegung in einer Kontinuität des Klassenkampfes, stellen sie gar neue Formen dar, oder nur eine neue Form seiner Ideologisierung?
Der paternalistische Wohlfahrtsstaat nach dem Muster der 60/70er Jahre ist einerseits ein Instrument kapitalistischer Integration. Andererseits sind die mehr oder weniger stark ausgeprägten sozialen Sicherungssysteme der westlichen Industriestaaten aber auch als Ergebnis von Klassenkämpfen zu interpretieren, deren Errungenschaften nicht einfach kampflos aufzugeben sind. Damit ist folgendes Dilemma benannt: der Staat als Garant sozialer Rechte ist zugleich die Herrschaftsinstitution, die die Verwertung und Ausbeutung der Arbeit garantiert und soziale Kämpfe reguliert.
Für Adorno ist in der verwalteten Welt und vor allem nach Auschwitz die Möglichkeit einer emanzipatorischen Praxis auf lange Sicht blockiert. Dabei hat Adorno sich nicht prinzipiell gegen Praxis ausgesprochen, sondern die Reflexion der Bedingungen von Praxis eingefordert,
um die Idee der Emanzipation gegenüber blindem Aktionismus zu bewahren. Statt auf ein rebellisches Subjekt zu vertrauen, das spontan und voluntaristisch entsteht, spürt er den Momenten nach, in denen sich das deformierte Bewusstsein seiner Deformation verweigert. Zu fragen wäre, ob sich auch im Engagement für konkrete Humanität, die aufs je konkrete Individuum gerichtet ist und nicht notwendigerweise auf die Überwindung der gesellschaftlichen Verhältnisse, ein widerständiges Bewusstsein bilden kann oder ob darin zumindest die Idee einer menschlichen Gesellschaft bewahrt bleibt.
Marcuse, Bourdieu, Deleuze, Negri/Hardt u.a. halten an der Idee fest, dass der Klassenkampf der Motor der Geschichte ist, auch wenn sich die Klassen fragmentiert und die Kämpfe vervielfältigt haben. Auf globaler Ebene stellt sich allerdings die Frage, ob die Fragmentierung
der Klassen und die Vervielfältigung der Kämpfe so weit fortgeschritten ist, dass sich die emanzipatorische Perspektive des antikapitalistischen Kampfes verliert statt sich auszubreiten. Die alte Hoffnung, besonders in der Peripherie bestünde ein revolutionäres Potential, ist verflogen. Stattdessen scheinen dort alle Arten religiöser und ethnischer Fundamentalismen als Alternativen vorgezogen zu werden.
Die internationale Linke befindet sich nicht im geschichtsleeren Raum, sondern kann sich auf die Pariser Kommune, den spanischen Bürgerkrieg, den französischen Mai 68, die Experimente in Mittel- und Südamerika und andere politische Kämpfe beziehen. Das Bewusstsein vergangener Kämpfe ist für eine revolutionäre Perspektive ebenso wichtig wie deren ökonomische und soziale Position. Auch die Verlierer der Geschichte sind politische Subjekte. Sie haben sich nicht apathisch ihrem Schicksal gefügt, sondern die bestehenden Herrschaftsverhältnisse angegriffen. In Frankreich werden Verbesserungen der sozialen Lage gegen den Staat und die Unternehmen erkämpft, während in der Bundesrepublik dagegen kein vergleichbares Bewusstsein existiert, das auf der geschichtlichen Erfahrung sozialer Kämpfe basiert. Nach dem Nationalsozialismus etablierte sich eine korporatistische Sozial- und Tarifpolitik. Werden soziale Errungenschaften als eine »gerechte« Verteilungspolitik des Staates gesehen und nicht als Ergebnis von Klassenkämpfen, gibt es kaum die Bereitschaft, diese gegen Angriffe von oben zu verteidigen.
1968 kann vor allem in Frankreich als der radikalste Versuch einer sozialen Gesellschaftsveränderung in einem hochentwickelten kapitalistischen Land gedeutet werden, der neue Formen des Klassenkampfes hervorgebracht hat und trotzdem gescheitert ist. Anders als in Frankreich und Italien gelang es der bundesdeutschen 68er Bewegung nicht, ein Bündnis mit Gewerkschaften und Arbeitern zustande jour fixe initiative berlinzu bringen. Während die Bekenntnisse zur Arbeiterschaft eine rhetorische Übung der Intellektuellen blieben, verstanden die Gewerkschaften die antiautoritäre Revolte der StudentInnen als Angriff auf ihre korporatistische Politik. Zwar sollte die Tragweite des Versuchs nicht überschätzt werden, doch betrachteten sich die linken Intellektuellen im Frankreich der Nachkriegszeit als Verbündete der Arbeiterbewegung. In dieser Tradition haben sich Foucault, Bourdieu oder Derrida an sozialen Kämpfen von Deklassierten, MigrantInnen und Arbeitern beteiligt.
Der Kapitalismus ist kein Schicksal, sondern Resultat von ununterbrochenen, mal offen, mal verdeckt geführten Klassenkämpfen. Er ist nicht abstrakt und ewig, sondern historisch und regional spezifisch in seinen Ausprägungen. Es sind die historischen und aktuellen Ausprägungen der sozialen Bewegungen, denen sich die Beiträge dieser Vortragsreihe besonders widmen sollen. Wie sind die Vergesellschaftungsformen entstanden, in denen sich diese Kämpfe konstituieren und die oftmals zugleich ihr Austragen verhindern. Wie sind die Theorien und Ideologien einzuschätzen, die im Kontext dieser Kämpfe formuliert wurden? Die unklaren Frontverläufe der Klassenkämpfe der Gegenwart machen Antworten auf diese Fragen ebenso schwierig wie notwendig. Im Zentrum steht die Frage, wie sich politische Subjekte konstituieren können, wenn ihnen die ökonomischen und sozialen Grundlagen ihres Lebens entzogen werden.
Wie ist es mit den Möglichkeiten einer Emanzipation unter diesen Bedingungen bestellt?
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