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Geschichte nach Auschwitz

2000/2001:
Geschichte nach Auschwitz
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Die Vortragsreihen
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Fluchtlinien des Exils
Kunstwerk und Kritik
Geschichte nach Auschwitz
Wie wird man fremd?
Theorie des Faschismus - Kritik der Gesellschaft
Kritische Theorie und Poststrukturalismus
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Heute scheint es undenkbar, dass je wieder eine Revolution Geschichte machen könnte. Es gibt nur noch Geschichte und einen Boom der Erinnerung an sie. Was heißt das für eine Gesellschaftstheorie, die diese Gesellschaft als Ganzes kritisiert, und deren Hoffnung sich nach wie vor auf eine radikale Umwälzung richtet, die also hoffnungslos anachronistisch erscheinen muss? Kann kritische Gesellschaftstheorie noch etwas mit den Begriffen Revolution und Geschichte anfangen, nachdem die Alternative Sozialismus oder Barbarei im Nationalsozialismus entschieden worden ist?


Montag, 6. November 2000
Alexander Ruoff und Elfriede Müller (Berlin):
Interpreten des Grauens
Geschichte und Verbrechen im französischen roman noir


"Es ist die Selbstbesinnung, welche Gewalt innehalten läßt im Augenblick der Erzählung".
(Ernst Bloch)


Hayden White hat auf den Unterschied zwischen einer objektiven Geschichte und einem subjektiven Blick aufmerksam gemacht. Sein Augenmerk gilt den diversen Plots der Geschichtsschreibung. Wir werden uns in diesem Vortrag der Plotstruktur des französischen Kriminalromans widmen. Der französische polar versucht analog der Kritischen Theorie das Grauen der Gegenwart aus der Geschichte zu entschlüsseln. »Wer die Vergangenheit vergißt, verurteilt sich dazu, sie noch einmal zu erleben«, steht als Motto über einem Roman von Didier Daeninckx. Ein gravierender Unterschied besteht nicht nur in der literarischen Form sondern vor allem in der Personifizierung der Aufklärung durch linke Antihelden mit melancholischem und pessimistischem Weltbild, die sich der Destruktion des Subjektes sanft widersetzen. Der linke Antiheld, eine subjektivierte Flaschenpost, geht von gar nichts mehr anderem als vom Scheitern aus. Wie bei Th. W. Adorno und M. Horkheimer wird die geschichtliche Totalität als negative Verfallsgeschichte konzipiert. Der französische polar sucht wie Walter Benjamin die retrospektive Figur, die Geschichte aus der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur zu entschlüsseln. Sein Anliegen ist es an »die verlorenen Prozesse, die nicht verwirklichten Möglichkeiten« (Siegfried Kracauer) zu erinnern.
Im französischen Krimi wird nach den Ursachen des aktuellen Rassismus und Antisemitismus im Nationalsozialismus und Algerienkrieg gesucht. Wir widmen uns den Werken von Autoren, die Geschichte im Zentrum ihrer Plots haben wie Jean-François Vilar, Colonel Durruti, Hélène G. Couturier, Didier Daeninckx etc. Gemeinsam bleibt augenscheinlich so unterschiedlichen Plots das Verlangen nach Selbstreflexion und Selbstvergewisserung in einer aussichtslosen Gegenwart. Ist der französische Krimi eine zeitgenössische Form, Geschichte zu erzählen oder gar eine aktuelle linke Praxis?



Montag, 4. Dezember 2000
Mark Siemons (Berlin):
Berliner Passagen

Berlin ist eine geschichtsphilosophisch besondere Stadt. Die Frage, wie sich nach dem Ende der Moskauer Machtausübung historischer Materialismus und Liberalismus, zwei gegensätzliche Typen der Deutung von Zeit, Gesellschaft und Existenz, zueinander verhalten, materialisiert sich hier dichter als irgendwo sonst. Gleichwohl wird die Frage, wenn überhaupt, meist nur auf dem Niveau von Haussanierungen behandelt: Gesucht wird nur nach Anzeichen, wo »schon« etwas Bundesrepublik ist oder »noch« immer DDR. Was Walter Benjamin in seinem Fragment »Passagen-Werk« für das Paris des 19. Jahrhunderts vorgelegt hat, müsste für das Berlin des 20. Jahrhunderts noch geleistet werden: eine Sammlung von Zitaten, Trümmern, Bildern, Relikten, Eindrücken und Erlebnissen, die einen Aufschluss für das Begreifen der Gegenwart bieten. Vorgetragen werden sollen einige unsystematische Überlegungen zu einem solchen Programm sowie auch zur dringend gebotenen Rehabilitierung des Flaneurs.


Montag, 15. Januar 2001
Frank Winter (Dresden):
Architektur und Geschichtsbewusstsein
Versuch über den neuen Potsdamer Platz in Berlin

Bei der Neubebauung am Potsdamer Platz haben sowohl Architekten als auch der Berliner Senat Geschichtsverleugnung im großen Stil betrieben. Die Verantwortlichen haben die letzten baulichen Geschichtsspuren getilgt und die Leere so schnell und lückenlos wie möglich mit Beton gefüllt. Jetzt erinnert dort nichts mehr an die zentralen Momente Berliner, deutscher und europäischer Geschichte, die der Potsdamer Platz wie kein anderer Ort repräsentiert. Die zentralen Fragen des Vortrags werden sein: Warum ist die Neugestaltung des Potsdamer Platzes so unerträglich? Welche Bedeutung hat Architektur für individuelles wie kollektives Geschichtsbewusstsein? Wie bildet sich Geschichtsbewusstsein? Was ist das überhaupt?


Montag, 12. Februar 2001
Helmut Dahmer (Darmstadt):
Wie die Psychoanalytische Bewegung zum Stillstand kam

Freuds psychoanalytische Theorie entstand aus dem Versuch, das Rätsel der hysterischen Erkrankungen zu lösen. Das Rätsel dieser »sozialen Leiden« (S. Ferenczi) war aber mit dem der "Kultur" identisch. Freud suchte nach einem therapeutischen Ausweg aus der kulturellen Krise, indem er (im Zeitalter des »Positivismus«) auf Schellings Theorie der französischen Revolution (die Lehre vom bewusstlosen Produzieren und von der Anamnesis) zurückgriff. Die Psychoanalyse war keine »Naturwissenschaft«, sondern eine Kritik von Pseudonatur. Sie war politisch nicht »neutral«, sondern nahm Partei für die von der »Kultur« Überforderten und gegen die bestehende »Kultur« der sozialen Ungleichheit, der Pogrome und der Kriege. Angesichts der massenfeindlichen Massenbewegungen, die im Gefolge des ersten Weltkrieges aufkamen, versuchte Freud (1932), die Existenz der Psychoanalyse durch politische Neutralisierung zu retten. Seine Nachfolger haben daraus eine Doktrin und einen Habitus gemacht.


Montag, 5. März 2001
Zeev Sternhell (Jerusalem):
Von den Antiaufklärern zum Faschismus und Nazismus
Reflexionen über die europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts

Von allen großen Ideologien des 20. Jahrhunderts ist die faschistische die einzige, die mit dem Jahrhundert geboren wurde. Der Faschismus stellt keine Ausnahmeerscheinung dar, ebensowenig kann er als einfache Folge der Katastrophe von 1914 bis 1918 gedeutet werden. Der Faschismus ist ein integrierender Bestandteil unseres Jahrhunderts.
Wenngleich sich die faschistische Ideologie nicht als einfache Reaktion auf den Marxismus bezeichnen lässt, so entstand sie doch als unmittelbares Ergebnis einer spezifischen Marxismusrevision. Der Vortrag will diese antimaterialistische und antirationalistische Revision untersuchen. Denn die Kristallisation der Grundidee des Faschismus, seiner Philosophie und Mythologie, bleibt unverständlich, wenn man sie nicht auch als eine Revolte gegen den Materialismus begreift.


Montag, 23. April 2001
Enzo Traverso (Paris):
Sozialismus angesichts der Erinnerung
an ein barbarisches Jahrhundert

Ende der siebziger Jahre begann man sich an die Ermordung der europäischen Judenheit zu erinnern. Dieses gleichzeitig späte und intensive Gedenken traf mit einer »Krise des Marxismus« zusammen. Diese politische und intellektuelle Krise begann mit dem Mai 1968 und endete mit der neoliberalen Restauration der neunziger Jahre, gefolgt vom Zusammenbruch der UdSSR. Die Revolution ist heute also inmitten einer Ruinenlandschaft zu denken, als Seiltanz auf einem gespannten Strick zwischen zwei Seiten: Auschwitz und Kolyma.
Auschwitz hat unsere Vorstellung der Welt und der Zivilisation verändert. Weder die Menschheit noch der Marxismus sind unbeschädigt daraus hervorgegangen. Diese simple Feststellung zeigt, dass die von Rosa Luxemburg am Vorabend des Ersten Weltkrieges formulierte Alternative - Sozialismus oder Barbarei - heute radikal umzuformulieren wäre: Die Barbarei ist keine die Zukunft bedrohende Gefahr mehr, sondern das wichtigste Merkmal unserer Epoche. Sie stellt nicht nur mehr eine Möglichkeit dar, sondern ein wesentlicher Bestandteil unserer Zivilisation.
Andererseits stellte im zwanzigsten Jahrhundert der Stalinismus die marxistische Diagnose über die Rolle des Proletariats als historisches Subjekt eines Befreiungsprozesses der ganzen Menschheit in Frage. In diesem Zusammenhang kann die Revolution nur noch als Utopie gedacht werden.


Montag, 7. Mai 2001
Michael T. Koltan (Freiburg):
Zur Geschichte der Marxschen Geschichtstheorie

Als Marx 1859 in seinem legendären Vorwort von »Zur Kritik der politischen Ökonomie« auf einer knappen Druckseite das seiner Theorie zu Grunde liegende Geschichtsverständnis darstellte, wies er darauf hin, dass er diese »materialistische Geschichtsauffassung« 1845 zusammen mit Friedrich Engels entworfen habe. Doch dieser Entwurf war bis dahin nicht zur Veröffentlichung gelangt. Erstaunlich ist, dass es damit heute, fast hundertfünfzig Jahre später, auch nicht viel besser aussieht. Tatsächlich ist das sogenannte »Feuerbach-Kapitel« der »Deutschen Ideologie« noch immer nicht in einer befriedigenden Version veröffentlicht worden (wenn man einmal davon absieht, dass es eine annehmbare japanische Ausgabe geben soll). Der Vortrag zeichnet die Irrungen und Wirrungen nach, die die Publikationsgeschichte dieses Manuskriptes kennzeichnen, eine Geschichte, die zugleich Geschichte des Aufstiegs und des Niedergangs der Bewegung ist, als deren Gründervater Marx gilt.



Montag, 11.Juni 2001
Ute Gerhard (Castrop-Rauxel):
Verwerfungen der Geschichte
Zur Genealogie der "zerstreuten Masse"

Mit der »historischen Konstruktion«, die sich dem »Gedächtnis der Namenlosen« widmet, verbinden sich bei Walter Benjamin Perspektiven, die in mehrfacher Hinsicht das vertraute Konzept von Geschichte zu durchkreuzen scheinen. So verweist der dabei grundlegende Begriff der Konstellation bzw. der Konstellierung nicht nur auf das Moment des Fragmentarischen, sondern auch auf eine Relationierung von Gegenwart und Vergangenheit, die das historische Kontinuum zugunsten des Ereignisses aufbrechen soll. Gleichzeitig realisiert sich in Namenlosigkeit die Anonymität als Kennzeichen dessen, was Benjamin an einer Stelle die »verrufene Gestallt« der »zerstreuten Masse« nennt. Ähnlich wie bei Siegfried Kracauer wird damit eine Figur, an der sich wie an kaum einer anderen Verwerfungen der Geschichte vollziehen, zur durchaus produktiven Instanz. Die Frage, inwieweit sich an diesem Punkt nicht nur ein etwas anderer Blick auf Geschichte, sondern auch die Möglichkeit widersetzlicher Positionierungen ergibt, soll ein diskurstheoretischer Versuch zur Genealogie der »zerstreuten Masse« nachgehen.




Geschichte nach Auschwitz

»Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue.«
Bertolt Brecht

Heute scheint es undenkbar, dass je wieder eine Revolution Geschichte machen könnte. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und der deutschen Vereinigung scheint der Gedanke, dass es weitere qualitative Umbrüche von Gesellschaftsordnungen geben könnte, obsolet zu sein. Es gibt nur noch Geschichte und einen Boom der Erinnerung an sie. In Zukunft gibt es keine Überraschungen mehr, man hat nichts zu erwarten als die technizistische Vervollkommnung der Gegenwart. Was heißt das für eine Gesellschaftstheorie, die diese Gesellschaft als Ganzes kritisiert, und deren Hoffnung sich nach wie vor auf eine radikale Umwälzung richtet, die also hoffnungslos anachronistisch erscheinen muss? Kann kritische Gesellschaftstheorie noch etwas mit den Begriffen Revolution und Geschichte anfangen, nachdem die Alternative Sozialismus oder Barbarei im Nationalsozialismus entschieden worden ist? Wenn es darauf ankommt, »eine schon von der Barbarei gezeichnete Gesellschaft zu begreifen« (Enzo Traverso), also auch der Begriff der Revolution schon durch Auschwitz »angefressen« ist (Adorno), lässt sich dann auf diese Begriffe noch in emanzipatorischer Absicht rekurrieren?

Schon in Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen sind Fortschrittsglaube und revolutionäre Hoffnung voneinander entkoppelt. Die Geschichte erscheint als eine Abfolge von Katastrophen, anstatt auf eine bessere Zukunft zu verweisen. Einzig in der Erinnerung an die Niederlagen, die Tradition der Unterdrückten, erblickt Benjamin eine gewisse Hoffnung, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen und den Panthersprung zu vollbringen. Allerdings erscheint es heute, mit dem ganzen Wissen von Auschwitz, zweifelhaft, ob die Engführung von geschichtlicher Erinnerung und revolutionärem Impuls noch denkbar sein kann. Nicht nur werden die Toten von den Siegern als Beweis ihrer Läuterung und Garant ihrer Identität instrumentalisiert, es lässt sich auch aus einem Ereignis, das jeder Sinnhaftigkeit entbehrt und dadurch die Versprechen der Aufklärung ad absurdum geführt hat, keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft schöpfen.

Wenn die Geschichte in der Katastrophe festzusitzen scheint, ist zuallererst zu klären, ob diese Feststellung zutrifft, wie es dazu kommen konnte und welche Möglichkeiten einer kritischen Praxis und Theorie in dieser Situation noch verbleiben. Symptomatisch ist, dass heutzutage ein bewusstloses switchen zwischen dem Gestus des rien ne va plus und des anything goes stattfindet. Kritische Gesellschaftstheorie, die sich nicht scheut, auch auf postmoderne Theoriebildung zurückzugreifen, kann diesem Problem in zweifacher Hinsicht nachgehen: Zum einen kann sie die Klassiker der Revolutionstheorie kritisch analysieren und auf Arbeiten aufbauen, für die die Revolution ihre utopische Unschuld längst verloren hat, zum anderen ist sie in der Lage, methodische Reflexionen über das Verhältnis des geschichtlichen Ereignisses als Faktum und dem Problem seiner Repräsentierbarkeit in einer Erzählung anzustellen. Dies sind die beiden Fragestellungen, denen in dieser Vortragsreihe nachgegangen werden soll, und zwar, wie schon in den vorherigen Reihen, sowohl aus der Perspektive der Kritischen Theorie, als auch von den als postmodern rubrizierten Theorierichtungen.

Konnte man Ende des vorigen Jahrhunderts die Revolution noch als die »Lokomotive der Geschichte« verstehen, so änderte sich dies nach Auschwitz vollständig. Für Benjamin stellte sie die Notbremse dar, die Aufeinanderfolge von Katastrophen, als die er die Geschichte verstand, zu einem Halt zu bringen. Der Kritischen Theorie der Dialektik der Aufklärung erscheint eine Revolution unmöglich aufgrund der fehlenden Vermittlung in der totalen Gesellschaft. Sie sieht Hoffnung alleine noch in der Flaschenpostfunktion der Analyse. Gleichzeitig hält sie daran fest, dass die Geschichte einer Logik folgt, die man erkennen und nachvollziehen kann. Für Günter Anders war Geschichte in einer Sackgasse angelangt, als die technische Revolution die Technik als Subjekt der Geschichte setzte und den Menschen als antiquierten Anachronismus zurückließ. Verabschiedet sich der Mensch als Subjekt der Geschichte, kommt diese an ein Ende, weil ihr Begriff den Menschen als Subjekt voraussetzt. Postmoderne Denker wie Jean Baudrillard kennen den Begriff der Revolution nicht mehr. Baudrillard spricht bereits zu einem Publikum, das sich in der Gleichförmigkeit des Prozesses eingerichtet hat und unterscheidet zwischen dem Lauf der Katastrophe und der Katastrophe die diesen Lauf unterbricht: »Es ist ähnlich wie bei der Beschleunigung einer Flüssigkeit: sie produziert Turbulenzen und Anomalien, die ihren Lauf behindern oder ihn umleiten. (...) So dienen die extremen Phänomene in ihrer geheimen Unordnung als Prophylaxe per Chaos gegen die extreme Zunahme der Ordnung und Transparenz. (...) Angesichts der Gefahr einer totalen Schwerelosigkeit … einer Geradlinigkeit der Prozesse, die uns ins Leere ziehen, sind diese plötzlichen Wirbel, die wir Katastrophen nennen, auch das, was uns vor der Katastrophe schützt.« (Jean Baudrillard: Transparenz des Bösen, 1992, S. 79). Bezieht man dieses Bild (bei dem die Frage ist, ob es physikalisch überhaupt stimmt) auf die Vernichtung der europäischen Juden, so stellt sich die zynische Frage, vor welcher wirklichen Katastrophe Auschwitz uns denn bewahrt habe.

Diesem sich verändernden Verständnis von Geschichte und Revolution soll ebenso nachgegangen werden, wie es gilt, die Beschreibung von Revolutionen und Geschichte kritisch zu analysieren, den Graben auszumessen, der sich zwischen dem Ereignis und seiner Repräsentation auftut. Saul Friedländer weist darauf hin, dass selbst die nüchterne Sprache des Historikers eine verschleiernde Wirkung hat, wenn sie von den Ereignissen berichtet. Er sieht die Sprache als ungenügend an, um das Ereignis zu beschreiben. »Hinter jedem Satz stehen die gewohnten Strukturen unserer Vorstellungswelt, drängen sich vor und verschleiern die eigentliche Bedeutung der Worte« (Saul Friedländer: Kitsch und Tod. 1999, S. 92). Aus dieser Sprachfalle scheint es kein Entrinnen zu geben: »Die beschriebenen Ereignisse sind es, die ungewöhnlich sind, nicht das Vorgehen des Historikers. Wir stoßen mit unseren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten an eine Grenze. Andere haben wir nicht (S. 93).« Wenn die Vergangenheit so monströs war, dass die Worte fehlen, um sie zu beschreiben, dann betreibt man Exorzismus, wenn man sie dennoch zu erzählen versucht. Dieser Exorzismus besteht laut Friedländer darin, »die Vergangenheit auf erträgliche Dimensionen zurückzudrängen, sie mit der bekannten und unbezweifelbaren Entwicklung menschlichen Verhaltens und dem identifizierbaren Lauf der Dinge zu verbinden, sie in die nüchterne Abfolge normaler Geschichtsereignisse einzufügen, in die beruhigende Welt der Grundregeln unserer Gesellschaft, kurz gesagt, in den Konformismus und die Uniformität« (S. 109). James E. Young sagt über die Aufgabe der alten Schriftgelehrten und Rab-biner, dass es ihnen nicht in erster Linie um die Überlieferung der konkreten historischen Details der Katastrophe ging, als vielmehr darum, »die Erinnerung an die traditionellen Paradigmen zu bewahren, nach denen die Ereignisse verstanden und interpretiert werden konnten« (James E. Young: Beschreiben des Holocaust. 1997, S. 22). Geschichte zu erzählen heißt nicht nur, das Ereignis in der Erinnerung zu bewahren, sondern auch stillschweigend zu unterstellen, man könne es verstehen, weil ihm selbst ein intelligibler Sinn inhärent sei. Hayden White, dessen Thesen die Geschichtswissenschaft aufgeschreckt haben, sieht das Vertrauen in die Verstehbarkeit der Geschichte darin begründet, dass nicht nur der literarischen, sondern auch der historiographischen Darstellung historischer Ereignisse notwendig Plotstrukturen zugrunde liegen, mit denen die Abfolge der Ereignisse in der Repräsentation strukturiert werden. Diese Plotstrukturen bestimmen allerdings nicht die Abfolge der historischen Ereignisse selbst, sondern sie strukturieren lediglich deren nachträgliche Repräsentation. Somit stellen sie »eine der Möglichkeiten einer Kultur dar, sowohl der persönlichen als auch der öffentlichen Vergangenheit einen Sinn zu verleihen« (Hayden White: Der historische Text als literarisches Kunstwerk. In: Ders.: Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen. S. 106). Das heißt: Erzählt man die Geschichte von Auschwitz, kassiert man automatisch die theoretische Einsicht, das es ein Ereignis war, »das nicht hätte stattfinden dürfen« (Hannah Arendt).

Muss man somit davon ausgehen, dass Geschichte als ein Impuls der Gesellschaftskritik ausgespielt hat? Wenn die Geschichte eine Abfolge von Katastrophen ist, die in Auschwitz ihren vorläufigen Kulminationspunkt erreicht hat, kann dann aus der Vergangenheit ein Maßstab gewonnen werden, der auf eine bessere Zukunft wiese? Klar ist: ein historischer Entwurf, ein politisches Ziel und ein moralisches Ideal ist aus der Geschichte nicht zu gewinnen. Auch eine soziale Bewegung, eine Tradition des Klassenkampfes lässt sich nicht teleologisch in die Zukunft projizieren. Selbst ob die schwache messianische Kraft, die Benjamin aus den fragmentarischen Glücksmomenten der Vergangenheit und dem Hass auf die Unterdrückung entstehen sieht, nach Auschwitz noch ein movens sein kann, ist fraglich.

Die Vorträge und Diskussionen dieser Reihe sollten sich der Konstellation der Geschichte nach Auschwitz bewusst sein und zum anderen nicht vergessen, dass geschichtliche Überlieferung immer schon eine Interpretation bedeutet. Gleichzeitig gilt es im Auge zu behalten, dass geschichtliche Veränderungen in der Gegenwart tatsächlich stattfinden. Die Frage ist, ob sie Grund zur Hoffnung geben.


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