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Gerade in der Negativen Dialektik zeigt sich deutlich der Punkt, an dem sich Kritische Theorie und Poststrukturalismus am stärksten in ihren Intentionen annähern. Beide erweisen sich als Theorien der Differenz; beide bestehen darauf, daß das kritische Denken und die Gesellschaftskritik von den einzelnen Dingen aus denken sollte, die nicht in ihren Begriffen aufgehen. Nur so ist eine Kritik der Identitätslogik und des identifizierenden, subsumtionslogischen und herrschaftlichen Denkens möglich. In diesem Sinne sind beides kritische Theorien der Gegenwart.
Freitag, 10. Oktober 1997
Roger Behrens (Hamburg):
Die Rückkehr der Kulturindustriethese als Dancefloorversion
Zur Dialektik materialistischer Pop- und Subkulturkritik
Die Kulturindustriethese erfährt eine Konjunktur im wiederbelebten Diskurs um Pop, Subversion und Subkulturen. Ausschlaggebend für diese - nach der Erstveröffentlichung der Dialektik der Aufklärung und nach der 68er-Rezeption - dritte Renaissance des Begriffs der Kulturindustrie ist die für Teile der Poplinken offenbar überraschende Tatsache, daß Alternative-Pop und Underground heute im Mainstream integriert sind wie sonst nur die krudesten Produkte der populären Kultur. Auffälligerweise wird bei allen Deutungsversuchen an die Kernthese der Kulturindustrietheorie höchstens peripher und unzureichend erinnert: daß nämlich alle Kultur Ware sei.
Wer heute mit dem Begriff der Kulturindustrie arbeitet, unterstellt oft nicht einmal mehr die an den Begriff geknüpfte Selbstverortung Kritischer Theorie, geschweige denn den Standpunkt des emanzipatorischen Interesses. Daß Kultur Ware sei, das heißt mehr, als für CDs horrende Summen bezahlen zu müssen: Dies führt einerseits unmittelbar auf die Warenförmigkeit der Kultur selbst, auf den Fetischcharakter des Materials und der Rezeptions- wie Produktionsverhältnisse; andererseits bildet gerade die in die Kulturindustriethese eingelassene Ökonomiekritik die Möglichkeit dafür, dem Kulturpessimismus nicht anheim zu fallen.
Freitag, 21. November 1997
Michael T. Koltan (Freiburg):
Adorno gegen seine Liebhaber verteidigt
Intention des Vortrages ist es, gewissen Tendenzen eines Vulgäradornitismus entgegenzutreten. Dies gilt insbesondere für die inflationäre Berufung auf eine angebliche Adornosche »Wertkritik«, die sich im wesentlichen auf die Propagierung verdinglichter Parolen beschränkt. Dabei wird sich zeigen, daß Adorno an dieser Vulgarisierung nicht ganz unschuldig ist. Zu diesem Zweck werden die Nietzscheanischen Wurzeln der Adornoschen Homologie von »Tauschwert« und »logischer Identität« dargestellt und mit der grundsätzlich anders gelagerten Marxschen Kapitalkritik kontrastiert.
Doch auch das Positive kommt nicht zu kurz. Der Vortragende wird sich bemühen, andere, sinnvollere Anknüpfungspunkte an Adorno aufzuzeigen als die Wertkritik. Insbesondere Adornos Thesen zur Kulturindustrie scheinen ihm für eine grundlegende Kritik bestimmter gesellschaftlicher Tendenzen deutlich besser geeignet zu sein als der stereotype Verweis auf die »Tauschwertlogik des Systems«.
Montag, 15. Dezember 1997
Katja Diefenbach und Elfriede Müller (Berlin):
The crack-up.Gilles Deleuze' Philosophie der Ereignisse
Kleine Revolutionsstunde
» ... Auf die Frage: Wie kann das Begehren seine eigene Unterdrückung begehren? Heisst unsere Antwort: Die Mächte, die das Begehren vernichten oder unterjochen, sind bereits selbst Teil der Begehrungsverkettungen. ... Ein Begehren nach Macht, nach Selbstunterdrückung oder Unterdrückung der anderen existiert ebensowenig wie das Begehren nach Revolution. Die Frage nach der Zukunft der Revolution ist eine schlechte Frage, weil solange sie gestellt wird, es immer noch Leute geben wird, die nicht revolutionär werden, und weil sie dazu dient, die Frage nach dem Revolutionär- Werden der Menschen auf jeder Ebene und an jedem Ort zu unterbinden.«
C.Parnet/G.Deleuze: Dialoge
Im Laufe der 60er Jahre bekam der Marxismus Konkurrenz durch eine neue Form der Gesellschaftsanalyse, die Macht nicht allein auf Staat und Kapital zurückführte, sondern die Orte beschrieb, an denen politische Technologien und Kontrollmechanismen in das Alltagsleben eingreifen. Diese Segmente, die großen Einschließungsmaschinen des Kapitalismus, die Familie, die Fabrik, die Ehe/Beziehung usw., gegen die sich die Mikropolitiken richteten, sind in eine Krise geraten. Emanzipatorisch überwunden wurden sie nicht. Das minoritäre Begehren bildet mittlerweile neue Allianzen mit einem sich flexibilisierenden Kapitalismus, der ebenfalls versucht, den Wunsch nach Nicht-Familiarität, Nicht-Befehl, Abweichung und Differenz symbolisch zu repräsentieren.
Die Philosophie von Gilles Deleuze suchte stets die Natur des Ereignisses. Mit einer anti-dialektischen Logik des Werdens, mit Begriffen des Außen, der Vielheit und der Differenz blieb er dem Ereignis auf der Spur. Denken entsteht ihm zufolge aus dem Zufall, ist immer von den Umständen abhängig und hat mit dem Ereignis zu tun, das den Gedanken beieinflußt. Denken heißt für Deleuze experimentieren, problematisieren. Eine Philosophie des Ereignisses ist für ihn unvereinbar mit der Negation. Inwieweit die Gedanken von Gilles Deleuze zur Kritik des Spätkapitalismus beitragen, diskutieren
Montag, 19. Januar 1998
Andreas Benl (Hamburg):
70 Jahre Spektakel
30 Jahre »Gesellschaft des Spektakels«
Angesichts der Ratlosigkeit der Radikalen Linken erfreut sich der aktionistische Witz des historischen Situationismus wieder einmal zunehmender Beliebtheit, weniger jedoch die dahinterstehende Kritik des Warenspektakels, die als kulturpessimistische Erfindung des dogmatischen Spielverderbers Guy Debord gilt. Dabei wirft dessen 1967 erschienenes Hauptwerk “Die Gesellschaft des Spektakels” mehr Fragen auf als es beantworten kann: Taugt der Situationismus wirklich als letzte Rettung bewegungslinker und popkultureller Strategien? In welchem Verhältnis steht die hegelmarxistische Kritik des Spektakels zur Antidialektik postmoderner (Medien-) Theorien? Und schließlich: War der Nationalsozialismus, wie von Debord suggeriert, lediglich eine rückständige Form des modernen Spektakels, oder verdienen auch in diesem Fall deutsche Besonderheiten verstärkte Aufmerksamkeit?
Montag, 16. Februar 1998
Monika Noll (Berlin):
Dekonstruktion und Vermittlung
Gedanken zu Jacques Derrida
Derrida hat den Ruf eines Esoterikers. Die Verbreitung seiner Theorie zeugt jedoch davon, daß er verstanden wird. Und zwar nicht nur von denen, die ihn mit Kategorien wie »Vernunftkritik« oder »Pluralität« geistesgeschichtlich verorten, sondern auch von vielen, die einfach wie er, nämlich »dekonstruierend«, am allgemeinen Reflexionszusammenhang, am gedanklichen Nachvollzug des gesellschaftlichen Prozesses mitwirken.
Was der »Dekonstruktion« ihren Platz im Wissenschafts- und Kulturbetrieb, im Zusammenhang eines Selbstvervielfältigungs- und Identitäten-Kults sichert, machen Derridas wie immer verschlungene Reflexionen selber deutlich. Mit ihrem radikalen Vermittlungsgestus - so die These des Vortrags - verspricht sie letztlich Unmittelbarkeit: Im gleichen Atemzug, wie sie die Naturalisierung von Gesellschaftlichem auflöst, affirmiert sie gesellschaftliche Natur.
Montag, 30. März 1998
Rolf Johannes (Lüneburg):
Gedanken zu einer Theorie der geschichtlichen Möglichkeit
Kritische Theorie behauptete zweierlei: die Möglichkeit einer humaneren als der kapitalistischen Gesellschaft und die Wirklichkeit einer historischen Entwicklung, die eine solche Gesellschaft moralisch zwingend und praktisch unerreichbar macht.
Beide Behauptungen scheinen sich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts als falsch herausgestellt zu haben. Seit 1945 gelten geschichtstheoretische Versuche generell als veraltet: von Löwiths Kritik der Geschichtsphilosophie als säkularisierter Heilsgeschichte zieht sich die Verabschiedung großer Geschichtstheorie über Poppers Kritik historizistischer Extrapolationen bis hin zur zeitgenössischen Denunziation der »großen Erzählung«.
Seit 1989 gilt die Hoffnung auf eine humanere Gesellschaft als wohlgemeinte Illusion, die getäuschte Philanthropen zu rachsüchtigen Terroristen mutieren läßt. Wenn der mainstream seit 1945 recht hat, dann ist, so könnte man ungeschützt formulieren, Kritische Theorie entweder tot oder tatsächlich ein Teil der Postmoderne. Gegen diese Alternativen sollen geschichtliche Möglichkeiten skizziert werden.
Montag, 20. April 1998
Kornelia Hafner (Frankfurt/M.):
Liquidation der Ökonomie oder ihre Kritik?
Rolf Johannes fordert auf, das von Adorno ausgesparte Zentrum der Kritischen Theorie neu zu besetzen: die »Ökonomie«. Adorno hatte sich jedoch mit Gründen entschieden, das, was ihm als Spätkapitalismus gilt, als »Prozeß der Liquidation der Ökonomie« zu kennzeichnen, in dem die »alte Herrschaft« ihre bürgerliche Form in sich zurücknimmt. Dies hat Konsequenzen für die nurmehr möglichen Formen von Kritik. Bürgerliche Gesellschaft, der Kapitalismus der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, bleibt im Denken von Adorno den Kategorien der Ware und des Tauschwerts verhaftet, die gleichsam als Zentrum falscher Vergesellschaftung figurieren. Vorstellungen, wie sie mit der Rede von der Tauschgesellschaft einhergehen, so soll dargelegt werden, verhindern systematisch, die Kritik so weiterzutreiben, daß ein Begriff vom Kapitalverhältnis gewonnen werden könnte, der nicht Gefahr läuft, im Nietzscheanisierenden Einerlei machtontologischer Figuren unterzugehen.
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