jour fixe initiative berlin / Donnerstagsgruppe
Vortragsreihe 2007
Globalisierung und Widerstand
Die Vortragsreihe "Globalisierung und Widerstand" begleitete die Mobilisierung auf den G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007. Sie bot ein Diskussionsforum, mit dem einerseits versucht wurde, die aktuelle Entwicklung des Kapitalismus kritisch zu fassen und andererseits die Frage nach den Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten der Subjekte im globalisierten Kapitalismus zu reflektieren - d. h. auch die Möglichkeiten und Grenzen des Widerstands der globalisierungskritischen Bewegung zu thematisieren. Die Vortragsreihe wurde von der jour fixe initiative berlin und der Donnerstagsgruppe gemeinsam durchgeführt. Die beiden Gruppen setzten damit eine Zusammenarbeit fort, die an eine gemeinsame Veranstaltung zu den Aufständen in den Pariser Banlieues anknüpfte. Die Auswahl der Themen und ReferentInnen dokumentiert die teils unterschiedliche politische Praxis der beiden Gruppen, wie sie auf der Absicht beruht, theoretischen Fragestellungen und Erfahrungen der sozialen Bewegungen Gehör zu verschaffen.
Die aktuelle Entwicklung des Kapitalismus hat die soziale und ökologische Frage neu auf die Tagesordnung gesetzt. Ungerechter und gewalttätiger als jemals zuvor ist die Welt der unpersönlichen Logik des Kapitals unterworfen. Unter dem Vorzeichen neoliberaler Ideologie wird die Privatisierung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, des Lebens selbst, vorangetrieben. Diese Politik beinhaltet die Zerstörung des Sozialstaats und wird durch den Ausbau des Sicherheitsstaats, den Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte sowie durch militärische Interventionen flankiert. Die Politik der Deregulierung wirkt sich in verschiedenen Ländern unterschiedlich aus. Doch die sozialen Verwerfungen, die ökologischen Katastrophen, die diese Politik produziert, bedeuten - zunehmend auch in den Metropolen - für Millionen von Menschen den Ausschluss von Teilhabe am produzierten Reichtum. Eine rasant wachsende Zahl von Menschen wird zu "Überflüssigen" erklärt und ist auf ein nacktes Überleben ohne öffentliche Existenz und Einflussmöglichkeit zurückgeworfen.
In jüngerer Zeit wurde innerhalb von Gruppen und Bündnissen wie dem Weltsozialforum, BuKo und Attac auch eine Globalisierungskritik formuliert, die den Kapitalismus in Frage stellt. Damit ist ein Diskussionsrahmen gegeben, der es - jenseits einer sozialpolitischen Zähmung des Kapitalismus - erlaubt, an linksradikalen und antiautoritären Traditionen seit der 68er-Bewegung anzuknüpfen. Ein emanzipatorisches Erbe von 1968 ist die Ereignishaftigkeit, der öffentliche Charakter erlebten Glücks, die Momente spontanen politischen Handelns und neuer Formen politischer Organisierung.
Die globalisierungskritische Bewegung politisiert den weltweit herrschenden Kapitalismus gegen die neoliberale Ideologie vom Ende der Geschichte. Eine kritische Analyse der weltweiten Ausbeutungsverhältnisse versteht Armut nicht als unentrinnbares Ergebnis eines natürlichen, kulturellen oder persönlichen Versagens, sondern als politisches Phänomen kapitalistischer Vergesellschaftung. Während die neoliberale Apologetik vom notwendigen Sieg des Kapitalismus spricht und damit die herrschenden Verhältnisse naturalisiert, weist die Kritik auf den produzierten Charakter des Elends der Welt hin. Die Politisierung der sozialen Frage eröffnet einen Handlungsspielraum, der verdeutlicht, dass die von Menschen produzierten Verhältnisse von diesen auch verändert werden können.
Eine der Stärken der globalisierungskritischen Bewegung scheint darin zu liegen, unterschiedliche Gruppen und nationale Kontexte, ihre Diskussionen und Aktionen, zu vernetzen, um den Widerstand zu stärken. Sie macht die Marginalisierten und ihre Kämpfe sichtbar und ermöglicht somit, dass sich die Marginalisierten unter dem Namen "globalisierungskritische Bewegung" als politische Subjekte konstituieren.
Der globalisierungskritischen Bewegung ist es in gewissem Maße gelungen die Mobilisierung auf bestimmte Ereignisse in kontinuierliche politische Arbeit umzusetzen - wie z. B. innerhalb der ( Welt)-Sozialforen. Die Pluralität dieser Bewegung drückt sich in unterschiedlichsten Kontroversen aus: Ein- und Auschluss politischer Positionen, Bewegungsorientierung versus parteipolitische Einflussnahme, Eventhopping versus regionale Verankerung.
Es hat sich erwiesen, dass kritische Gegenentwürfe zum Kapitalismus von diesem assimiliert werden können. Deutlich wird dies anhand der Vereinnahmung kritischer Positionen durch Institutionen wie IWF oder Weltbank. Die Diskussion um die Haltung vieler NGO's zur Teilnahme an Regierungsprogrammen gehört zu den konfliktträchtigsten Debatten innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung.
Globalisierungskritik ist auch Ideologiekritik. Sie wendet sich gegen die Hegemonie des neoliberalen Diskurses und gegen die beängstigende Renaissance religiös-fundamentalistischer Erlösungsangebote. Die Komplexität und Wirkungsmächtigkeit ideologischer Konstrukte kann nicht auf das bloße Resultat einer Fehlinterpretation sozialer Verhältnisse reduziert werden. Dies umso mehr, als antihegemonial sich bezeichnende Ideologien eine emanzipatorische Praxis blockieren oder gar verhindern können. Es bleibt die Aufgabe der globalisierungskritischen Kräfte, die soziale Frage als theoretische Anstrengung und als Aufforderung zu politischem Handeln zu begreifen.
Die Vortragsreihe zu "Globalisierung und Widerstand" begleitet die Mobilisierung auf den G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007. Sie will ein Diskussionsforum bieten, das einerseits versucht, die aktuelle Entwicklung des Kapitalismus kritisch zu fassen und andererseits die Frage nach den Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten der Subjekte im globalisierten Kapitalismus reflektiert - d. h. auch die Möglichkeiten und Grenzen des Widerstands der globalisierungskritischen Bewegung thematisiert.
Die Vortragsreihe wird von der jour fixe initiative berlin und der Donnerstagsgruppe gemeinsam durchgeführt. Die beiden Gruppen setzen damit eine Zusammenarbeit fort, die an eine gemeinsame Veranstaltung zu den Aufständen in den Pariser Banlieues anknüpft. Die Auswahl der Themen und ReferentInnen dokumentiert die teils unterschiedliche politische Praxis der beiden Gruppen, wie sie auf der Absicht beruht, theoretischen Fragestellungen und Erfahrungen der sozialen Bewegungen Gehör zu verschaffen.
Die Veranstaltungsreihe beginnt mit einer Darstellung und Diskussion der Praktiken, Räume, Selbstbegrenzungen und Perspektiven der globalisierungskritischen Bewegung und beschäftigt sich darüber hinaus mit der Dialektik von globaler kapitalistischer Entwicklung und transnationalem Widerstand.
Die aktuellen Wahlerfolge linker Parteien in Süd- und Mittelamerika werfen die Frage nach dem Verhältnis von sozialen Bewegungen und linken Regierungsprojekten auf, die sich gegen den Neoliberalismus wenden. Ist die Politik dieser Parteien nur Teil der Erneuerung des neoliberalen Projekts oder weist sie tatsächlich auf eine mögliche Ablösung dieser Ideologie hin?
Die Möglichkeit von Handlungsspielräumen und Widerstand werden in zwei Vorträgen thematisiert, die sich mit der steigenden Zahl großstädtischer Slums und veränderten Gewaltverhältnissen im Trikont auseinandersetzen, wo oftmals der Ausnahmezustand des Bürgerkriegs die Normalität zu sein scheint. Trotz offenkundiger Unterschiede zwischen beiden Situationen kann das Entstehen von Parallelökonomien als Gemeinsamkeit festgestellt werden.
Wie funktionieren diese Überlebensweisen? In welchem Verhältnis stehen sie zu den übrigen globalisiert-kapitalistischen Systemen?
In den bewaffneten Auseinandersetzungen um die Rohstoffausbeutung in Afrika, in der mangelnden Wasser- und Energieversorgung der Slumcities, sowie in den Kämpfen indischer Bauern gegen die Abhängigkeit von genmanipuliertem Saatgut kommt die wesentliche Rolle von Umweltproblematiken zum Ausdruck, die in ihrer engen Verflechtung mit sozialen Fragestellungen thematisiert werden sollen.
Eine Auseinandersetzung über die Forderung nach globalen Rechten und ihrer Bedeutung im Kontext der Migration verweist auf das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Partizipation, Bildung, Auskommen und Schutz - all das, was der gegenwärtige Kapitalismus nicht zu bieten hat.
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Die Vorträge
Montag, 12. Februar 2007
Lilian Mathieu (Paris):
Die globalisierungskritische Bewegung aus der Perspektive der Soziologie Pierre Bourdieus
Auch wenn Pierre Bourdieu sich gegen Ende seines Lebens stark in Protestbewegungen gegen die neoliberale Politik engagiert hat, beschäftigt sich sein soziologisches Werk relativ wenig mit sozialen Bewegungen. Trotzdem leisten die theoretischen Werkzeuge, die er entwickelt hat, einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Dynamik und Entwicklung zeitgenössischer sozialer Bewegungen, insbesondere der globalisierungskritischen Bewegung. Dies gilt für das Konzept des Feldes, das verschiedene gesellschaftliche Bereiche beschreibt, deren Akteure sich in Konkurrenzbeziehungen zueinander befinden. Besonders spannend erweist sich die Anwendung des Feldbegriffs auf die Widerstandsbewegungen.
Lilian Mathieu analysiert in seinem Vortrag die globalisierungskritische Bewegung als ein eigenes Universum, das von unterschiedlichen Zielvorstellungen, Organisationen und Aktivisten geprägt ist, die durch komplexe Beziehungen miteinander verbunden sind. Oftmals bilden sie Koalitionen und arbeiten zusammen, manchmal stehen sie in Konkurrenz zueinander oder bekämpfen sich. Dies liegt in unterschiedlichen Ideologien, Protestformen oder auch in ihrem Verhältnis zu politischen Parteien begründet.
Montag, 5. März 2007
Anne Jung (Frankfurt a. M.):
Transformationsprozesse in Afrika
In den vergangenen Jahren endeten einige langjährige Kriege in Afrika wie in Angola, Sierra Leone und Liberia. Doch die Hoffnung, mit dem Kriegsende würde die massive soziale und ökonomische Ungleichheit abgemildert, hat sich nicht bestätigt. Der Krieg wurde von einem Zustand der regulativen Gewalt abgelöst.
In anderen Ländern wie dem Sudan, der Elfenbeinküste oder der Demokratischen Republik Kongo flammen die bewaffneten Konflikte immer wieder auf. Der Handel mit natürlichen Ressourcen trägt zur Finanzierung von Konflikten bei und wird partiell zum eigentlichen Konfliktgegenstand. Zugleich wächst das Interesse der dominanten Staaten - darunter seit neustem auch China - an den neu entdeckten Ölvorkommen und anderen Ressourcen Afrikas, die neben internationalen Konzernen auch Sicherheitsfirmen auf den Plan rufen. Auch im "Anti-Terror-Kampf" kommt einigen afrikanischen Ländern eine neue strategische Bedeutung zu.
Gegen die massive Form der Ausbeutung regt sich verstärkt Widerstand auf Seiten der Zivilgesellschaft. Dabei stehen der Kampf um Land und gegen Rechtlosigkeit, Vertreibung und Umweltverschmutzung im Zentrum. Der Vortrag analysiert anhand von Beispielen gesellschaftliche Transformationsprozesse in Afrika und benennt deren Akteure.
Montag, 2. April 2007
Michael Löwy (Paris):
Kapitalistische Globalisierung und soziale Kämpfe in Amerika
Die schädlichen Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung äußern sich in Lateinamerika auf allen Ebenen: erdrückende Schuldenlast, Durchsetzung einer "Freihandelszone" durch die USA, Privatisierung öffentlicher Einrichtungen, tiefe Einschnitte in die Budgets von Bildung und Gesundheit, Einführung der Gentechnik in der Landwirtschaft - gesponsert vom Agrarkonzern Monsanto -, Entwicklung des auf den Export ausgerichteten Agrobusiness auf Kosten der Subsistenzwirtschaft etc.
Der Widerstand dagegen nimmt manchmal fast revolutionäre Züge an: Argentinien 2001, Bolivien, Ecuador und Venezuela während des Putsches gegen Chávez. Der Widerstand kennt auch institutionellere Formen, vor allem die Wahl von Kandidaten mit alternativen Programmen, die aber oft enttäuschen. Die sozialen Bewegungen sind sehr unterschiedlich und radikal: Gewerkschaften, NGOs, Frauenbewegungen und Bewegungen unterdrückter Ethnien. Die aktivsten, am besten organisierten und kämpferischsten sind die Bewegungen der Bauern und der ethnischen Minderheiten, ob es sich um die Landlosenbewegung (MST) in Brasilien handelt, um die Konföderation der Indigenen Nationen (CONAIE) in Ecuador und Bolivien oder um die Zapatisten (EZLN) in Mexiko. Diese Bewegungen haben ihre Wurzeln häufig in der "Befreiungstheologie". Die Globalisierungskritik bietet sich seit 2001 als ein Netzwerk dieser Bewegungen an auf der Suche nach einheitlichen Aktionen gegen die gemeinsamen Gegner und Alternativen zum Kapitalismus.
Montag, 23. April 2007
Stephan Lanz (Berlin):
SlumCity: Stigma, Hype und Alltag
Der westliche Blick auf die Slums der Megastädte hat sich im neoliberalen Zeitalter gewandelt. Deren vormals als Anarchie gebrandmarkte Informalität, früher stets Anlass Favelas auszulöschen oder deren Bewohner autoritär zu "normalisieren", gilt nun eher als erwünschtes sich Selbstregieren marginalisierter Gruppen und wird staatlich gefördert. Das Regieren von Slums und Favelas, so die These, zeigt beispielhaft das von Michel Foucault prognostizierte Verschmelzen zwischen Souverän und Untertan im Neoliberalismus. Paradigmatisch lässt sich dies in Rio de Janeiro analysieren, dessen Favelas ein Gewaltregime aus Drogenbanden und brutalen, korrupten Polizeiapparaten beherrscht. Parallel dazu setzt der Staat auf ein Governance-Modell, das informelle Selbstorganisation instrumentalisiert, um die Favela politisch und sozial zu befrieden und macht damit das Drogenregime, das dort alle Aspekte des Alltags dominiert, zum faktischen Partner.
Montag, 7. Mai 2007
Gerhard Klas (Köln):
Gandhi, Marx, Mao und Ökologie
Indischer Widerstand gegen kapitalistische Globalisierung
Wenn heute von Indien die Rede ist, assoziieren nur noch wenige das Bild von einem Entwicklungsland. Längst ist vom "asiatischen Tiger" die Rede, der Blick konzentriert sich auf Software- und Informatikspezialisten in den Großstädten, die neue, am westlichen Konsummodell orientierte Mittelschicht Indiens. Für die Bevölkerungsmehrheit in Indien verheißt diese Entwicklung allerdings nichts Gutes. Weder traditionelle Kleinunternehmer, noch die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, noch die Mehrheit der Dalits, der so genannten Unberührbaren, noch die Fischer profitieren vom Wachstum der indischen Wirtschaft. Vor allem den Kleinbauern, von denen es in Indien mehrere hundert Millionen gibt, erschwert die kapitalistische Globalisierung das Überleben oder treibt sie sogar in den Selbstmord. Dagegen regt sich Widerstand. Gerhard Klas, Autor des Buches "Zwischen Verzweiflung und Widerstand - Indische Stimmen gegen die Globalisierung", stellt Beispiele des bäuerlichen Widerstands, ihre Argumente und Motivationen vor.
Montag, 21. Mai 2007
Hagen Kopp (Hanau) und Susanne Schultz (Berlin):
Migration und Globale Rechte
"Jeder Mensch hat das Recht, selbst zu entscheiden, wo und wie er leben will. Der Regulierung von Migration und der systematischen Verweigerung von Rechten steht die Forderung nach Gleichheit in allen sozialen und politischen Belangen entgegen…"
So lautete bereits 1997 ein Schlüsselsatz des Aufrufs von kein mensch ist illegal, der an Aktualität nichts verloren hat.
"Globale Rechte aneignen!" ist nicht zufällig der Vorschlag für eine übergreifende Parole gegen den kommenden G8 Gipfel. Die Forderung bewegt sich zwischen abstrakter Revolutionsrhetorik und konkreten Reformschritten. Im ersten Teil der Veranstaltung fragt Hagen Kopp von kein mensch ist illegal nach den Interventionsmöglichkeiten auf den verschiedenen umkämpften Terrains.
Im zweiten Teil werden die Bündnisse einer antirassistischen Politik der Rechte zwischen unterschiedlichen entrechteten Gruppen untersucht. Susanne Schultz von der Gruppe respect erläutert, auf welch verschiedene Weise die "Rechtsfrage" bezüglich feministischer und antirassistischer Strategien zu bezahlter Hausarbeit relevant ist. Neben der Strategie, formale Arbeitsrechte einzufordern - wie das Recht, gegen Lohnraub klagen zu können -, geht es der Gruppe respect auch darum, alltägliche Widerstandsstrategien auszutauschen, weiterzuentwickeln und sich gegenseitig zu bestärken.