jour fixe initiative berlin:
Vortragsreihe 2005/2006
Gespenst Subjekt
Wer nach dem Subjekt sucht, begibt sich auf ein umkämpftes Feld. In diesem Kampf haben sich eine Vielzahl von konkurrierenden Begriffen von Subjekt herausgebildet. Sie reichen vom bürgerlichen, autonomen Subjekt, über die Vorstellung vom Subjekt als Ergebnis gesellschaftlich bewusstloser und unbewusster Praktiken, bis hin zu Vorstellungen eines differenten, begehrenden und flexiblen Subjekts, das sich aus der Dekonstruktion von Herrschaft selbst wieder hybrid zusammensetzt. Die Frage nach dem Subjekt zielt mittlerweile nicht mehr nur auf den Menschen selbst, sondern überschreitet die Grenzen zur Maschine und zur Natur.
In der Ideengeschichte der Linken wurden dem Subjekt allerlei Eigenschaften zugewiesen oder abgesprochen. Marx polemisierte in der 6. Feuerbachthese gegen die bürgerliche Idee eines transzendentalen und autonomen Subjekts. "Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" (Marx. MEW 3, S. 6). Seine Emanzipationshoffnung begründete sich auf einen Prozess der kollektiven Bewusstwerdung des Proletariats als Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums. Das 20. Jahrhundert hat jedoch die Möglichkeit der Emanzipation grundlegend in Frage gestellt. Die Kritische Theorie reagierte auf diese gescheiterte Hoffnung, in dem sie durch eine Verbindung von historischem Materialismus und Psychoanalyse die Mechanismen aufzudecken versuchte, welche die politische in eine repressive Subjektivität umschlagen lassen. Die dabei zutage geförderten Tendenzen totaler Vergesellschaftung unterminierten schließlich die Hoffnung der Kritischen Theoretiker auf eine Rekonstruktion emanzipatorischer Subjektivität und drohten, das emanzipatorische Denken insgesamt in eine Aporie zu führen.
Herbert Marcuse, der die 68er Bewegung als einziger kritischer Theoretiker aktiv unterstützte, entwickelte als Versuch, aus dieser Aporie auszubrechen, die Theorie der "neuen Massenavantgarde". Diese Theorie zielte auf eine Ausweitung des kollektiven Subjektbegriffes auf die Ränder der Gesellschaft, auf die Subkulturen in den entwickelten Industrienationen und auf die Befreiungsbewegungen der Peripherie. Doch nicht nur am Rand der Gesellschaft, auch innerhalb der Subjekte gab es für Marcuse einen resistenten Rest, den er glaubte nur jenseits der gesellschaftlichen Verhältnisse in der menschlichen Natur zu finden. Insbesondere der Eros war in seinen Augen das letzte Bollwerk gegen die Totalität der herrschenden instrumentellen Vernunft. Marcuse betonte die politische Praxis für das kritische neomarxistische Denken. Daran knüpfen bis heute Theorien wie diejenige von Toni Negri und Michael Hardt an.
Eine objektive Bestimmung des emanzipatorischen politischen ist offenbar nicht nur historisch gescheitert, sondern auch theoretisch höchst problematisch. Die Frage, ob und unter welchen Bedingungen sich Individuen trotzdem dazu entscheiden können, auf der Grundlage gemeinsamer Ideen, Analysen oder Interessen eine kollektive emanzipatorische Praxis zu entwickeln und damit zu politischen Subjekten werden können, ist jedoch, auch angesichts sich weltweit verschärfender sozialer und politischer Unterdrückung, dringlicher denn je. Individuelle "Entscheidungen" sind auch ein zentrales Element der neuen Formen des Kapitalismus. Die Flexibilisierung der Lebensläufe und die Deregulierung sozialer Rechte sind die aktuellen Leitbilder des Neoliberalismus. So geht das Subjekt vollends in der Idee des self managements auf. Jeder muss in den Beschäftigungsverhältnissen beweisen, dass er in der Lage ist, sich selbst am effektivsten zu verwerten und die Arbeit als kreatives Projekt zu verstehen, mit dem er sich zu identifizieren vermag. Mit den neuen Imperativen von Selbstverantwortung und Flexibilität enttarnt sich die individuelle Subjektivität als Zwang zum bedingungslosen Mitmachen.
Mit der Integration immer weiterer Bereiche des Individuums in den kapitalistischen Verwertungsprozess stellt sich die Frage, ob damit auch die Möglichkeit verschwindet, sich als Teil eines Kollektivs jenseits des Produktionsprozesses zu begreifen, und so der Ausbeutung seiner Arbeitskraft kollektiv entgegenzutreten, ohne dabei in klassische und überholte Politikmuster zurückzufallen. Das proletarische Freizeitvergnügen war nie nur billige Kompensation für die Maloche und Regeneration der Arbeitskraft, sondern stets auch die selbstverständliche Aneignung einer moralischen Ökonomie im Bewusstsein einer antagonistischen Gesellschaft. Wenn die sozialen Ressourcen dieser Ökonomie jedoch zunehmend zum notwendigen Einsatz der eigenen Verwertung werden, durchdringt der gesellschaftliche Antagonismus und die Biomacht die Individuen bis in den letzten Winkel. Der flexible Mensch des Neoliberalismus, dessen Subjektivität im Kontext von ökonomischer und politischer Herrschaft erst produziert wird, dient dann nicht als Antipode der Kapitalverwertung, sondern als deren Stützpunkt zur neuen Landnahme.
Für dieses Szenario hat Gilles Deleuze die Theorie der Kontrollgesellschaft entwickelt. In diese fügen sich die Individuen durch Selbstregulierung und Anpassung ein. Deleuze hat aber andererseits die Idee eines pluralen Menschen ins Spiel gebracht, der durch sein Denken und Handeln ständig im Werden begriffen ist. Er hat die Marx´sche Vorstellung der Geschichte als einer Abfolge von Klassenkämpfen am radikalsten in sein Denken über das Subjekt einfließen lassen. Deleuze zufolge beharrt das Subjekt auf seiner Existenz, doch keiner weiß, wo es zu finden ist, es ist ein Subjekt des Werdens, unentschieden und ohne fixe Identität, dezentriert. Der weltweit agierende Kapitalismus und die Staatsapparate produzieren ständig Fluchtlinien, die auf der "glatten Oberfläche" der Kapitalverwertung Brüche, Bedürfnisse und Subjektkonstitutionen fabrizieren, die über den Kapitalismus hinausweisen können. Kann man aber darauf vertrauen, dass sich Gegenströmungen schon immer und überall bilden, zusammenfinden und quasi automatisch über die kapitalistische Verwertung und Vergesellschaftung hinausweisen?
Die Linke in den Metropolen hat auf den Verfall der Arbeiterbewegung in Sozialdemokratie und Stalinismus und auf das Scheitern des Versuches der 68er-Revolte mit der Suche nach politischer Subjektivität jenseits der traditionellen Pfade reagiert. Dies hat ein Spektrum von Identitätsbildungen hervorgebracht, die sich dem Konformitätsdruck einer einheitlichen Subjektivität widersetzen. Aus ihrer Funktion als Rückzugsorte, an denen sich das Subjekt einzunisten versucht, um nicht auf der Strecke zu bleiben, ergibt sich gleichermaßen die Legitimation wie die Problematik von Identitäten. Dass das Subjekt vielfältig ist, macht es vielleicht tolerant und weltoffen, zu fragen wäre aber, ob es in der Lage ist, solidarische Beziehungen gegenüber den alltäglichen Zumutungen des Kapitalismus einzugehen.
In den Postcolonial Studies wird das Wider-Erfinden einer eigenen Identität als politische Strategie der Subalternen gesehen, die im westlichen Diskurs nicht als Subjekte vorkommen, und damit als eine Möglichkeit, sich gegen den herrschenden Diskurs selbst zu definieren. Gegen die identitäre Zwangslogik des westlichen Denkens, der die Anderen, ihre Alterität und ihre Differenz verneint, kann eine solche Gegenidentität durchaus ein emanzipatives Moment besitzen. Zugleich aber besteht dabei die Gefahr, dass bei einer solchen Selbstkonstruktion von Identitäten neue Essentialismen geschaffen, damit Herrschaft aber nur zementiert wird. Ob ein nicht-essentialistischer Identitätsbegriff überhaupt möglich ist, ist eine offene Frage. Der Kampf um die Wiedergewinnung politischer Subjektivität, dies zeigen manche historische und aktuelle "Befreiungsbewegungen" deutlich, verfolgt nicht in jedem Fall ein emanzipatorisches Ziel.
Die poststrukturalistische Theorie des fragmentierten Subjekts hat versucht, die Auflösung kollektiver Identitäten als eine Fluchtlinie zu interpretieren, die über ökonomische Disziplinierungen und politische Repräsentationen hinausweist. Sie begegnete dieser Fragmentierung mit der anti-psychiatrischen Feier der Partialtriebe. Im Gegensatz dazu war der Kritischen Theorie zufolge der Totalität von Herrschaft nicht durch das immer neue Zusammensetzen von Identitäten zu entkommen, sondern durch die Überwindung von Identität auf der Grundlage von Ich-Stärke. Die Erfahrung der Shoah hatte Horkheimer und Adorno gezeigt, das die Herstellung von Identität sehr wohl die Vernichtung der Subjektivität bedeuten konnte. Deshalb war für sie auch nach 1945 die Herausbildung kollektiver Subjektivität immer konformistisch konnotiert. Vielleicht lassen sich aber im Anschluss an Walter Benjamin Elemente einer Theorie politischer Subjektivität entwickeln, die auf den Erfahrungen der Besiegten und der Erinnerung daran aufbaut, und die damit eine kollektive und solidarische Subjektivität ist, gerade weil sie Auschwitz immer mitdenkt.
Wenn wir uns nach einer ersten Bestandsaufnahme der "Klassen und Kämpfe" in dieser Vortragsreihe mit den vielfältigen Vorstellungen über das Subjekt auseinandersetzen wollen, begeben wir uns nicht auf die Suche nach einem objektiven Kern der Subjektivität, der als Einspruch gegen die Warenförmigkeit und verschüttete Plattform des Widerstands gegen die heutigen Zumutungen der Kapitalverwertung dienen kann. Vielmehr geht es uns um die Bedingungen, unter denen emanzipatorisches kollektives Handeln überhaupt noch möglich erscheint. Dabei wollen wir sowohl Phänomene eines allseits zu konstatierenden Konformismus und Essentialismus thematisieren, als auch nach Potenzialen und Spuren der Befreiung fragen. Was unter den Bedingungen eines globalen Kapitalismus und nach den Erfahrungen von Kolonialismus, Faschismus und Antisemitismus überhaupt noch ein "Subjekt" sein kann, ist ebenso offen wie die Frage, was unter diesen Bedingungen "Politik" ist. In der Auseinandersetzung mit kritischen Theorien der Subjektivität, aber auch mit historischen und aktuellen Formen politischer Praxis möchten wir versuchen, nach dem möglichen Ort politischer Subjektivität in einer zugleich kontrollierten und deregulierten Welt zu fragen und nach ihrer Bedeutung für eine Praxis der Emanzipation und Befreiung.
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Die Vorträge
Dienstag, 6. Dezember 2005
Françoise Vergès (Paris/La Réunion):
Postkoloniale Subjektivitäten
In Frankreich wird momentan eine große öffentliche Debatte um Sklaverei, Kolonialismus und ihre Folgen geführt. Die Debatte wurde von jüngeren Intellektuellen und Aktivisten entfacht, die die engen Verbindungen zwischen der Französischen Republik und den Kolonien aufdecken wollen. Die Petition der Indigènes de la république ("Eingeborene der Republik"), die Kontroverse um das Gesetz vom 25. Februar 2005, das auffordert den französischen Kolonialismus in den Schulbüchern in einem positiven Licht darzustellen, die Debatte um die Erinnerung an die Sklaverei ..., all dies bildet ein umkämpftes Terrain, auf dem diese Themen diskutiert werden.
Ich werde die Genealogie dieser Debatte verfolgen, angefangen mit Aimé Césaires Diskurs über den Kolonialismus, über die Frage der Gleichheit im Zusammenhang mit dem Gesetz von 1946, das die post-sklavenhalterischen Kolonien in französische Departements umgewandelt hat, Franz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken und Die Verdammten dieser Erde, bis hin zu der aktuellen Debatte. Dabei werde ich besonders auf die Figur des Sklaven eingehen und danach fragen, weshalb er ein vergessenes Subjekt im französischen politischen Denken geblieben ist. Schließlich werde ich erörtern, warum es wichtig ist, die Figur des Sklaven in das politische Denken zurückzuholen, insbesondere im Kontext der aktuellen Entfaltung einer Politik der Stärke und Brutalität, und weshalb die Herstellung von überflüssigen Menschen, von den neuen "Verdammten dieser Erde" als politisches Problem zu begreifen ist, wenn wir uns neue Strategien der Emanzipation vorstellen und diese entwickeln wollen.
Montag, 16. Januar 2006
Gilbert Achcar (Paris/Berlin):
Das historische Subjekt im "Clash of Civilizations"
Seit dem Ende des Kalten Krieges wird das Paradigma der Bipolarität der beiden großen politisch-ideologischen und sozioökonomischen Systeme in den kollektiven Vorstellungen und Diskursen von "Experten" durch das Paradigma des "clash of civilisations" ersetzt. Ein Paradigma, das auf die Differenz der "Kulturen" und der "Werte" verweist. Diese zugespitzte Form einer idealistischen Geschichtsauffassung karikiert Begriffe, die Autoren wie Hegel oder Max Weber bereits verwendeten. Sie dient dazu, aktuelle Konflikte zu entpolitisieren, indem sie die westlichen Regierungen der politischen Verantwortung enthebt und diese stattdessen in die vermeintliche Identität der betroffenen Bevölkerungen verlagert.
Der Vortrag untersucht die These des "clash of civilisations", ihren politischen und ideologischen Gebrauch, sowie die kulturellen Erklärungen der aktuellen Konflikte und fragt auf einer allgemeineren Ebene nach der Möglichkeit der Menschen, historische Subjekte zu werden. Die Gegenthese, die entwickelt wird, geht davon aus, dass die Zivilisation und die Barbarei spezifische Modalitäten eines historischen Prozesses darstellen, der in letzter Instanz die sozialen Klassen und die Frage von Herrschaft betrifft.
Montag, 13. Februar 2006
Helmut Dahmer (Wien):
Rimbaud - Die Suche nach einem ganz anderen Leben
Arthur Rimbaud (1854-1891), das jugendliche Dichter-Genie aus den Ardennen, gibt seinen Biographen und den Interpreten seiner Dichtungen und Briefe noch immer Rätsel auf. Auf seine ersten Wandlungen vom hoch begabten Musterschüler zum Ausreißer und Revolutionstouristen, zum Dichter und Poetologen, dann zum Hooligan und Landstreicher, folgten viele weitere. Nach dem Scheitern der Pariser Kommune und seines eigenen Projekts der magisch-poetischen Weltveränderung, nach Reise- und Wanderjahren, die ihn um die halbe Welt führten, machte er zwischen 26 und 36 "Karriere" als Kaufmann und Entdecker am Horn von Afrika. Er war ein Mann der multiplen Identitäten, der es liebte, seine Spuren zu verwischen und falsche Fährten zu legen. Das "Programm" dieses Lebens - die stets erneuerte Flucht aus "defizienten" Verhältnissen - hat er in seinen poetologischen Briefen aus dem Jahre 1871 formuliert: "Ich", das ist (oder wird alsbald) ein "Anderes". 100 Jahre nach David Hume, der das Ich zu einer Fiktion erklärte, 80 Jahre nach Fichte, der die Dialektik von Ich und Nichtich entfaltet hatte, und noch vor Nietzsche, der im Ich das Fremde sah, oder Ernst Mach, der es für "unrettbar" hielt, hatte ein 16jähriger Gymnasiast damit eine faszinierende Formel für Identitätsbehauptung und -auflösung gefunden, die ebenso wohl der Lebens- wie der Sozialgeschichte Rechnung trägt.
Montag, 3. April 2006
Sabine Hark (Berlin):
Jede für sich selbst?
Selbstoptimierungstechniken als Teil postfeministischer Gouvernementalität
Angela Merkel macht es uns vor: Eine Frau, die was werden will, setzt auf sich selbst - und auf einen Coach. Die erfolgreiche Frau jedenfalls braucht weder Frauenbewegung noch Feminismus. In einer Vielzahl von Beratungsseminaren, Coaching-Programmen, gleich ob für Sektretärinnen oder Professorinnen, steht daher die "Schärfung des eigenen Profils", die "Entwicklung strategischer Kompetenzen sowie besseres "Self-Marketing" im Vordergrund. Was solche Programme anbieten, ist nicht wenig: Gleich ob Professorin oder Assistentin, Selbstoptimierung ist der Schlüssel zum Erfolg! Der Vortrag untersucht diese Selbstoptimierungtechniken als Bausteine postfeministischer, gouvernementaler Regierungstechnologie.
Montag, 8. Mai 2006
Klaus Holz (Berlin/Villigst):
Marx und die Theorie der fehlenden Subjekte
Marx rekonstruiert die Gesellschaft als eine selbst geschaffene, historische Lebensform. Menschen machen die Verhältnisse und mit den Verhältnissen sich selbst. Marx aber ist diese Theorie nur gelungen, weil er sich auf einen Materialismus der sozialen Verhältnisse konzentrierte. Eine Theorie der Menschen als Individuen im allgemeinen und als politische Subjekte im besonderen schrieb er dagegen nicht. Der Vortrag wird einerseits diese Leerstelle und ihre Folgen in der Marxschen Theorie bestimmen. Andererseits werden die Subjekttheorien der Kritischen Theorie und von Peter Brückner vorgestellt, die diese Leerstelle zu füllen versuchen. Allerdings hat sich bei ihnen die Fragestellung entscheidend verändert. Die Frage, warum die Arbeiter die Revolution nicht machen, wandelte sich zur Frage, wie Subjekte verfasst sind, denen der Faschismus die angemessene Lebensform ist. Damit wurde die Frage nach den Menschen als politischen Subjekten ihrer eigenen Emanzipation ins Negative gekehrt. Doch können sich die Menschen nach dieser Geschichte aus ihrer selbst geschaffenen Unmündigkeit befreien?
Montag, 12. Juni 2006
Enzo Traverso (Paris):
Das umkämpfte Subjekt im "Europäischen Bürgerkrieg"
E.P. Thompson formulierte es nach Marx: Die Subjekte definieren sich in Konflikten auf einer sozialen und historischen Grundlage. In den Kämpfen erkennen sie sich, bilden eine Identität heraus, entwickeln ein Bewusstsein und ein politisches Projekt. Ich möchte in meinem Vortrag über die kämpfenden Subjekte sprechen. Lassen sich die Konflikte, die die alte Welt zwischen 1914 bis 1945 bestimmten, durch das Konzept "des europäischen Bürgerkrieges" fassen? Dieses Konzept erwies sich als undurchsichtig und verzwickt. Man verbindet es zunächst mit Ernst Nolte, für den diese Epoche mit der russischen Revolution von 1917 begann und 1945 endete. Der Historikerstreit, der auf diese apologetische These reagierte, die den Nationalsozialismus als eine "Kopie" des Bolschewismus betrachtet, ist bekannt. Doch verteidigten auch andere Historiker, Philosophen, Politologen und Schriftsteller, die wenig miteinander gemein haben, von Hannah Arendt über Ernst Jünger, von Lenin über Carl Schmitt, von Eric Hobsbawm über Fran?ois Furet dieses Konzept. Ich werde über die Nachhaltigkeit dieses Konzeptes sprechen, um die Gesamtheit der Konflikte die die Geschichte und die Vorstellungskraft in den Jahren von 1914 bis 1945 prägten, zu begreifen, sein Erbe untersuchen und einen möglichen Umgang damit skizzieren.
Freitag, 23. Juni 2006
Robert Soko und Ipek Ipekcioglu:
Balkan meets Oriental - Sound der Verweigerung
Musik, gerade subkulturelle, hat immer auch identitätsstiftende Funktion. Jede Strömung hat ihren eigenen Stil hervorgebracht und sich über die Identifikation mit der eigenen Gruppe immer wieder erneuert. Vor einem migrantischen Hintergrund sieht das ganz anders aus. Hier geht es zuallererst darum, sich den diversen Zuschreibungen zu entziehen, um die eigene Subjektivität zu bewahren. Es ist kein Zufall, dass gegen die Zumutungen der Mehrheitsgesellschaft mit ihrer Integrationsforderung einerseits und den nationalen, ethnischen, religiösen und auch sexuellen Ansprüchen der sogenannten Herkunftskulturen andererseits, eine Clubkultur entstanden ist, die Musik unterschiedlichster musikalischer Stile und Herkunft mixt, und sich gegen jede eindeutige Zuordnung wehrt. Ipek Ipekcioglu (Gayhane-HomOriental Dancefloor) und Robert ?oko (BalkanBeats) leben beide in Berlin und referieren über "Kulturrecycling" und Musik als "Überlebenstraining von Migranten" zwischen Verweigerung und Hype.
Anschließend Party im Clash mit DJ Soko und DJ Ipek!