jour fixe initiative berlin:


Vortragsreihe 2002/2003

Fluchtlinien des Exils


Das Exil ist ein Ort, der sich auf keiner Landkarte findet. Flüchtlinge durchkreuzen politische Grenzen und symbolische Ordnungen. Ihre Wege verbinden unterschiedlichste Orte der sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse, deren Hierar-chien sie auf der Flucht von einem zum anderen Land besonders drastisch erfahren. Als Fluchtpunkt dieser Erfahrungen wird das Exil einerseits zu einem möglichen Ort der Erkenntnis jener Hierarchien, andererseits bleiben aber die politische Marginalisierung und Rechtlosigkeit mit ihren zerstörerischen Konsequenzen für Leben und Psyche der Flüchtlinge bestehen. Darauf hat bereits Hannah Arendt unter dem Eindruck der Displaced persons nach dem Zweiten Weltkrieg hingewiesen. Der damals schon diagnostizierte Niedergang des Nationalstaats, der Bürgerrechte zwar garantierte, aber nur für seine eigenen Bürger, hat sich im Zuge der Globalisierung weiter fortgesetzt. Nationalstaaten verlieren ihre Integrationskraft, treiben ethnisch-partikulare Identitäten hervor und treten nach innen wie nach außen als polizeiähnliche Interventionsmächte auf. Ist es unter diesen Bedingungen möglich, Emanzipation und Exil zusammen zu denken?

Wie in den vorangegangenen Veranstaltungsreihen (Kritische Theorie und Post-strukturalismus; Theorie des Faschismus - Kritik der Gesellschaft; Wie wird man fremd?; Geschichte nach Auschwitz; Ästhetische Theorie - Kunstwerk und Kritik) wollen wir diese Frage im Anschluss an die Kritische Theorie und den Poststruktu-ralismus erörtern, aber auch andere Ansätze diskutieren, die den Fluchtlinien des Exils auf der Spur sind. Um das Verhältnis zwischen dem Exil als Erkenntnisort und als Deprivationserfahrung zu begreifen, laden wir dazu ein, politische Realitäten ebenso wie philosophische Denkfiguren, historische Beispiele und literarische Zeugnisse des Exils zu untersuchen.

In den 90er-Jahren haben die Bilder von »Überflutungen« und »Flüchtlingsströmen« die Politik des Schengener Abkommens und die Einschränkungen des Asylrechts begleitet. Fluchtbewegungen wurden und werden zu gigantischen Bedrohungen stilisiert, um daraus die Forderung abzuleiten, die Grenzbefestigungen noch undurchlässiger zu machen.

Dem individuellen Grenzübertritt mit seinen traumatischen Erfahrungen stehen auf der einen Seite diese staatlichen Abwehrmaßnahmen gegenüber, auf der anderen manche sozialpsychologischen und biographischen Stilisierungen, die die reale Flucht als symbolische Grenzerfahrung verstehen. Auch die Populärkultur bedient sich des Exils als Projektionsfläche und spielt mit dem prekären Status der »migra-torischen« Erfahrung: als Metapher für Identitätsfindung, als Distinktionsgewinn im multikulturellen Durcheinander oder auch als Codewort für das verkannte Genie. Zu fragen wäre, inwieweit diese Idealisierungen und Projektionen Leiderfahrungen abwehren und in eine kulturell akzeptable Form entsorgen. Gegenüber den konformistischen Übersetzungen einer als exotisch verstandenen Peripherie ins hegemoniale Zentrum wäre das Exil als Ort des Widerstreits zu behaupten, an dem das Zentrum in die Fluchtlinie der Peripherie gerät. Statt auf einer imaginären Ebene der Welt zu entfliehen, intensiviert das Exil dann eine »Flucht auf der Stelle«, um die »Welt und ihre Vorstellung in die Flucht zu schlagen«, wie Deleuze und Guattari es in ihrer Kafka-Studie formuliert haben.

Während in der Antike die Verbannung ins Exil ebenso Strafe wie Schutz vor derselben bedeutete, bezeugt Kafkas »Prozeß« den Bann einer Souveränität, die das Subjekt aus der Gemeinschaft des Rechts verstößt, um es um so erbarmungsloser den Anordnungen dieser Gemeinschaft zu überantworten. Unter dem Bann dieses Ausnahmezustands gibt es keine Verantwortung mehr. Nicht einmal die disziplinierende Gewalt des Gefängnisses reicht aus, um an dem Verbannten ein Exempel zu statuieren. Josef K. geht weiter seinem Job in der Bank nach, bis sein Urteil vollstreckt wird. Im 20. Jahrhundert werden Lager für die Ausgestoßenen errichtet, in denen der Bann von der Internierung über die Verwertung bis zur Vernichtung reicht. Giorgio Agamben spricht vom »Lager als biopolitischem Paradigma der Mo-derne«.

Die Kritik an der Ausgrenzung der Individuen und ihrer Degradierung zu »Exemplaren« verbindet die Kritische Theorie und den Poststrukturalismus. Nachdem Adorno und Horkheimer im Exil das »beschädigte Leben« reflektiert und dabei aufgedeckt hatten, wie die Aufklärung sich schließlich gegen sich selbst wendet, verfolgten Foucault, Deleuze und Guattari Fluchtlinien einer Politik, die die »Heterotopien« der Lager und das »Erkenntnisprivileg des Exils« (Enzo Traverso) in deterritorialisierende Energien verwandeln. In den neomarxistischen Worten der Analyse des »Empire« bei Michael Hardt und Antonio Negri: »Ein Gespenst geht um in der Welt, und sein Name ist Migration.«

Anders als »Migration«, »Exodus« oder »Diaspora« bezieht sich der Begriff des Exils in erster Linie auf staatliche Verfolgung und Vertreibung. Im Exil kehrt sich die kollektive Zuschreibung des politisch, ethnisch, religiös, sexuell oder aus anderen Gründen Verfolgten in eine individuelle Subjektposition um, so dass sich die Frage nach der spezifischen sozialen Situation im Exil stellt. Eine kritische Theorie muss dabei den Fluchtlinien des Exils in allen ihren Erfahrungen, Verwerfungen und Überlagerungen nachgehen.

So stellt sich die Frage, was mit einer Theorie wie der der ‚permanenten Revolution' geschieht, die von ihrer eigenen Revolution ins Exil getrieben wird: Ist sie dann immer noch revolutionär oder nur noch Theorie? Und warum hat z. B. Fanon in seiner Revolutionstheorie sein Migrantendasein nie reflektiert? Lässt sich das Exil als Desertion verstehen, die die Mobilität des Exils in eine politische Haltung verwandelt und sich als revolutionäre Strategie mit anderen Fluchlinien aus dem Elend dieser Welt verbindet?

Bewegungen wie die PKK, die Bewegung der Sikhs oder auch die Black Panthers, welche oft unter dem Signum der nationalen Befreiung antraten, haben in der Dias-pora an Kraft gewonnen. Einige formulieren gerade aus dieser Situation der »Ferne« heraus Programme, die eine imaginäre Heimat beschwören und sich auf ein völkisches Kollektivsubjekt berufen. Das Exil verkehrt sich dann in einen Diaspora-Natio-nalismus mit verheerenden Konsequenzen.

Die jüdische Bevölkerung war in vielen Ländern assimiliert, ohne dass die seit der Aufklärung grassierende antisemitische Denunziation der Juden als »Staat im Staat« nachgelassen hätte. Die Zionisten reagierten auf die Verweigerung der Emanzipation, indem sie sich selbst als Exilanten definierten und dieses Exil durch die Grün-dung eines eigenen Staates zu beenden suchten.

Im biopolitischen Zirkel produziert die Ökonomie Flüchtlinge, die der Staat gleichzeitig kriminalisiert. Wie können die Staatenlosen eine neoliberale Staatsform los werden, die sie an einem anderen Ort auf dem Globus vertrieben hat? Gibt es ein Ent-kommen aus dem Zirkel von drohender Vertreibung und anerkennender Beherr-schung? Und was bedeutet dieser Zirkel für die noch nicht Vertriebenen, sondern nur Beherrschten?

Die Beiträge dieser Vortragsreihe werden keine abschließenden Antworten auf diese Fragen finden, aber vielleicht andeuten können, wo sich staatskritische Fluchtlinien einer solidarischen Politik des Exils abzeichnen.

jour fixe initiative berlin


Die Vorträge

Montag, 4. November 2002
Bernhard Jensen (Berlin):
Melancholie des Exils

Wer ins Exil geht, verliert etwas. Flüchtlinge müssen Angehörige verlassen und Perspektiven aufgeben, ohne sie auf dem Wege der Trauer ersetzen zu können. Das Exil trennt sie von dem, worauf sie in ihrer Melancholie fixiert bleiben. Diese Melancholie des Exils steht quer zu den Gewinn- und Verlustrechnungen einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft.und entzieht sich den Zumutungen staatlicher Identitätspolitik. Wo Verluste nicht mehr im Namen neuer Gewinne betrauert werden können, verflüchtigt sich das Konzept eines ebenso autonomen wie flexiblen Subjekts und hinterlässt im konstitutiven Bruch zwischen Ort und Identität.Spuren für eine Politik des Exils.
Der Vortrag konfrontiert die Überlebensschuld der NS-Verfolgten mit der deutschen »Unfähigkeit zu trauern« und erörtert im Anschluss an Judith Butler und Emannuel Lévinas die Möglichkeiten einer staatskritischen Subjektivierung der Exilerfahrung. Im Zentrum steht die Frage, wo sich die Erfahrungen von Flüchtlingen und Staatsbürgern jenseits postpolitischer Kontrollregime kreuzen.



Montag, 2. Dezember 2002
Birgit Schmidt (Berlin):
Exil und Volksfront

Nach ihrer Niederlage gegen den Nationalsozialismus entledigte sich die KPD mit der Volksfrontideologie jedes emanzipatorischen »Ballastes«, suchte sich an die nationalistische Ideologie des Nationalsozialismus anzunähern und mit ihr zu konkurrieren. Die KPD forderte nun von ihren Schriftstellern und Intellektuellen, sich dezidiert um diejenigen zu bemühen, die in die NS-Massenorganisationen eingebunden waren. An der Volksfrontliteratur lässt sich aufzeigen, inwiefern sie dieser Direktive folgten. Unter der Prämisse vom »besseren Deutschland«, an das die exilierten KPD-Schriftstellerinnen allzu gerne selbst glaubten, setzten sie zusehends auf Vaterlandsliebe und den sogenannten wahren Patriotismus, um dem NS-Regime den ideologischen Boden zu entziehen.
Daher verwundern die zusehends rechten Implikationen der Volksfrontliteratur - Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit, völkischer Rassismus, offener Antisemitismus - wenig. Doch es hat auch Brüche gegeben: Die vorwiegend jüdischen Kommunisten, die ab 1944 im mexikanischen Exil vom Holocaust erfuhren, stellten sich gegen Ende ihres Exils offen gegen die deutsch-nationalistische Ideologie des in Moskau exilierten Ulbricht-Flügels ihrer Partei. Nach ihrer Rückkehr musste dies zu Kollisionen führen, für die die sogenannten Westemigranten teuer bezahlten.


Montag, 6. Januar 2003
Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hamburg):
Ort des Widerstands oder Überlebensstrategie?
Zur Paradoxie emanzipativer Politik in Exil und Diaspora

Es gehört zu den Imaginationen linker Theorie, Flucht und Migration als Orte zu denken, an dem sich ein "deterritorialisierter" Widerstand formiert. Von Exil ist heutzutage schlicht nicht mehr die Rede. Dass jedoch Migration und Asyl an politische Verfolgung geknüpft sind, wird ausgeblendet. Zugleich wird im englischsprachigen Raum mit dem Begriff der Diaspora die Essenz der multikulturellen Gesellschaft gefeiert. Dessen Zusammenhang mit der europäischen Geschichte, der Vertreibung, der Sklaverei und des Kolonialismus, wird hier kaum thematisiert. Für die Subjekte im Kontext des Exils und der Diaspora bedeutet dies, mit einer ständigen Verobjektivierung im Sinne einer identitären Zuweisung konfrontiert zu sein. Als Individuen tauchen sie in ihren Praktiken und ihrer Geschichte nicht auf. Dabei gestaltet sich die Diaspora als ein Ort, an dem eine eigenständigen Praxis und eine widerständige Kollektivität gelebt werden kann. Diese entsteht jedoch nicht automatisch durch die Erfahrung des Exils oder der Migration, sondern durch die Anknüpfung an Genealogien des Widerstands. Die Diaspora ist ein widersprüchliches Feld der Praxis, behaftet mit dem Wissen und der Erfahrung des Exils.


Montag, 3. Februar 2003
Moshe Zuckermann (Tel Aviv):
Emigration und Immigration als Ideologie und Politik
Entwicklungsstränge im israelischen Zionismus

Der zionistische Nationalstaat ist unter historischen Vorzeichen und Bedingungen entstanden, die ihn zum geschichtlichen Präzedenzfall werden lassen: Er ist der einzige moderne Staat, der als solcher konzipiert wurde, ehe das Territorium, auf dem er errichtet werden sollte, im Besitz seiner künftiger Bürger war, und ehe die Gesellschaft, die dieses Territorium bevölkern sollte, als ein sich selbstbestimmendes Kollektivsubjekt bestand. Die »Negation der Diaspora« und die Schaffung des »Neuen Juden« waren daher zwei Zentralpostulate des klassischen Zionismus, die von Anbeginn mit einer politisch wie juristisch formulierte Ideologie der Einwanderung (von Juden) nach Israel einherging. Das konstitutive Moment dieser Ideologie für Israels demographische Gestaltung, aber auch für die Formierung ihrer Klassenstruktur, mithin ihrer sozialen und ethnischen Spannungen, sollen im Vortrag erörtert und im Hinblick auf die massive Einwanderung von Bürgern der ehemaligen Sowjetunion im letzten Jahrzehnt ideologiekritisch untersucht werden.


Montag, 3. März 2003
Udo Wolter (Berlin):
Exil der »materiellen Interessen«
Kapitalismus und Subjekt in Joseph Conrads Nostromo

Joseph Conrad steht sowohl für die schärfste zeitgenössische literarische Kritik des Imperialismus als auch für den rassistischen Blick auf die vom Kolonialismus unterworfenen »Anderen«. Diese Ambivalenz durchzieht vor allem die postkoloniale Rezeption von Conrads Werk, das Edward Said mit Blick auf dessen Roman Nostromo als »sowohl imperialistisch als auch antiimperialistisch« bezeichnete. Die Figuren Conrads sind oft selbst durch moralische Ambivalenz gekennzeichnet, die Reisen in seinen Romanen und Novellen führen immer auch in die Abgründe und Untiefen des modernen Subjekts.
Die Erfahrung des gebürtigen Polen und später naturalisierten Engländers Conrad mit dem Exil und einer ruhelosen, diasporischen Existenz ist ein weiterer Grund für seine Aktualität in der postkolonialen und postmodernen Kulturtheorie.
In seinem vielleicht komplexesten Roman Nostromo wirft Conrad nicht nur einen bemerkenswerten Blick auf die Zusammenhänge von kapitalistischer Modernisierung und Imperialismus. Er führt auch vor, wie die »materiellen Interessen« das durch sie vorgeblich verbürgte liberale Glücksversprechen für die Subjekte real zunichte machen. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Frage nach einem metaphorisch erweiterten, subjektkritischen Exilbegriff in Conrads Roman stellen.


Montag, 7. April 2003
Olivier Morel (Paris):
Die Abwesenheit der Exilierten
oder die Geheimnisse der weltweiten Demobilisierung

Die Geschichte der Exilierten findet da ihren Ort, wo der Ort ihnen verweigert wird: keine Überbleibsel, keine Spuren, keine Geschichte - nur Asche. Es geht um eine ausgebliebene Geschichte, eine Geschichte ohne Namen, ohne Papiere, eine Geschichte um das Verbot des Ankommens und der Verhinderung eines Ortes. Der Vortrag handelt von der langen Schlange der fehlenden Namen, der Abwesenden, des Hin und Her der Gespenster, derjenigen, die die Niederlagen und potentiellen Möglichkeiten der Geschichte mit sich tragen. Ausgehend von der Benjaminschen These, dass der Ausnahmezustand sich bei den Ausgewiesenen, den Deportierten und den Flüchtlingen manifestiert, werden die Fluchtlinien der doppelten Abwesenheit der Exilierten - einmal von der durch die Kolonialisierung verwüsteten Gesellschaft aus der sie kommen und der Gesellschaft in die sie eintreffen - thematisiert. Die aktuellen Nationalstaaten produzieren serienweise Staatenlose und verweigern Flüchtlingen ihre Ankunft. Es wird der Frage nachgegangen, ob diejenigen ohne Papiere - die per Definition ohne Ort sind, ohne Archive, ohne Namen und ohne Stimmen - eine Geschichte haben können. Ob der nationalistische und neoarchaische Ethnozentrismus unfreiwillig die Basis einer neuen Internationale bildet und damit die unmöglichen Möglichkeiten des Exils neu formuliert. In diesem Zusammenhang wird besonders auf die postkoloniale Dimension am Beispiel Algeriens eingegangen.


Montag, 5. Mai 2003
Enzo Traverso (Paris):
Eine Freundschaft im Exil
Über die Korrespondenz zwischen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin

Der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin öffnet das Fenster auf eines der stärksten intellektuellen Laboratorien der europäischen Kultur der Zwischenkriegszeit. Die Frankfurter Schule formulierte eine kritische Theorie der Massengesellschaft und der zeitgenössischen Kunst, lieferte eine Faschismusanalyse, entwickelte den Marxismus fort und stritt über politisches Engagement. Die Korrespondenz erzählt ebenfalls die Geschichte einer liebevollen und solidarischen Freundschaft, die manchmal auch von Unverständnis und Konflikten geprägt war. Die Briefe legen auch Zeugnis ab über die dunkelste Epoche des 20. Jahrhunderts, als der Faschismus drohte, die alte Welt zu verschlingen. Um die Briefe zu verstehen, müssen sie in ihren Kontext gestellt werden: das deutsch-jüdische Exil, das Benjamin ab 1933 nach Paris verschlug und später Adorno nach New York. Das Exil wurde somit auch eine Lebensweise und bildete eine eigene Denkungsart heraus.



Montag, 2. Juni 2003
Michael T. Koltan (Freiburg):
Exile on Main Street

Anfang der siebziger Jahre begab sich die Band, die wie keine andere für den Soundtrack der sogenannten 68er-Bewegung verantwortlich zeichnete, The Rolling Stones, ins »Exil«. Während in den »imperialistischen Metropolen«, wie es im Jargon der Zeit hieß, noch tapfer kommunistische Parteien aufgebaut wurden, Guerrilla-Gruppen in den Untergrund gingen oder andere sich im langen Marsch durch die Institutionen versuchten, arbeiteten die Stones bereits am Abgesang auf die Illusionen der bewegten 60er Jahre. »Mir geht nur noch im Traum einer ab« - damit hebt 1972 das sowohl düsterste als auch beste aller Rolling Stones Alben, »Exile on Main Street« an. Dass die Stones für ihre Steuerflucht nach Südfrankreich ironisch den Begriff des »Exils« verwenden, zeigt recht deutlich, dass sie mehr von der popkulturellen Übercodierung politischer Begriffe begriffen hatten, als die meisten Ho-Chi-Minh-rufenden Politaktivisten der Zeit. Der Vortrag wird dieser Spur folgen und anhand der Rolling Stones die gegenseitige Durchdringung von Popkultur und politischer Bewegung seit den 60er Jahren und die daraus resultierenden Illusionen näher beleuchten.




Die Vorträge fanden statt im
Kulturhaus Mitte, Auguststrasse 21, Berlin-Mitte